Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Sie schreit...

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Gleich sind wir da, sagt er mehr zu sich selbst, und er wiederholt diesen Singsang, während er mit der Linken lenkt. Mit der Rechten streicht er der Frau übers Haar, als streichle er, gedankenversunken, eine Katze oder einen Hund. Dabei starrt er verbissen auf die schmale Asphaltbahn, die sich langsam, viel zu langsam auf das nächste Dorf zu schlängelt.

Und die Frau daneben hört einfach nicht auf zu schreien, vielleicht nimmt sie's selbst längst schon nicht mehr wahr. Schaukelt weiter hin und her und her und hin. Kaum wage ich es, hinzusehen, kann mich selbst kaum noch rühren. Hab nur den einen Wunsch, den Kopf irgendwo anzulehnen und zu schlafen, tief zu schlafen. Bin dennoch neugierig. Neugierig genug, hinzusehen, herauszufinden, warum. Sehe, wie in Trance, den Grund für ihr Schreien: Die Jeans sind am rechten Oberschenkel in glattem, vertikalem Schnitt aufgeplatzt bis hinab zum Knie, schwarzgeschwollnes rohes Fleisch quillt hervor – ich schlage abrupt eine Hand vor den Mund und wende mich zur Seite. Hab ein entsetzliches Kotzgefühl und fürchte, mein Kopf zerspringt.

Nur weg hier, nur weg.

 

Der Wagen hält, als wir ins Dorf kommen. Vor einem der idyllischen Häuschen steht ein alter Mann und jätet seinen Gemüsegarten.

Einen Arzt! ruft der Fahrer, und das klingt wie ein Hilfeschrei in äußerster Not, wo gibt’s hier einen Arzt!

Und die Frau hört noch immer nicht auf zu schreien.

Der Alte hält sich eine Hand hinter die rechte Ohrmuschel, beugt sich etwas vor und fragt behäbig und so, als habe er alle Zeit dieser Welt zur Verfügung: Wat sechst du? Und ich verfluche insgeheim diesen unschuldigen, schwerhörigen Alten.

An der nächsten Straßenecke lassen wir uns raussetzen, der Wagen fährt weiter mit der noch immer schreienden Verletzten. Weiter in den nächsten Ort.

 

Später erst erfahren wir, was geschehen ist:

Eine Frauengruppe war es, die sich demonstrativ friedlich vor eine Polizeibarriere gesetzt hatte an diesem strahlenden Septembermorgen des Jahres 1982. Ein Zusammenschluss mutiger Frauen vor dem zu errichtenden atomaren Endlager in Gorleben. Sie saßen da, fest entschlossen, ihren Unmut friedlich und zugleich trotzig zum Ausdruck zu bringen. Sangen ihre Lieder, fassten sich bei den Händen, um Ängste zu lösen, Stärke und Mut weiterzuleiten. Auch noch, als der Wasserwerfer kam.

Wasserwerfer kannten die meisten von uns bereits. In Erwartung der altbekannten Prozedur hüllten die Frauen sich in ihre Regenjacken; Säureschutz gehörte ebenso zur Ausrüstung wie die feuchten Tücher, die vor Mund und Nase gepresst wurden, um gegen das mögliche Einatmen ätzender Dämpfe geschützt zu sein.

All dies kannten sie.

Die Frauen sangen auch noch, als die Wasserwerfer angestellt wurden. Als die Düsen in vier Meter Entfernung auf die nun unmittelbar vor den grün gepanzerten Monstern Sitzenden gerichtet und in Betrieb genommen wurden.

 

Auf dem Zeltplatz angekommen, hören wir durch den Lautsprecher, dass einige Verletzte in den umliegenden Krankenhäusern liegen:

Starke Prellungen, Rippenbrüche, eine Herzquetschung und anderes. Es werden keine Namen genannt, und doch wissen wir, es sind welche von uns. Und einer an der Wasserstelle hat sich auf die untere Stufe einer Holzleiter gesetzt und liest aus einem Büchlein, als lese er es sich selbst vor:

 

... Wasser-Waffen:

Fahrbare Wasserwerfer mit ca. 5 atü bei einer Wurfweite von 30 Metern ( WaWe 4) gehören schon längst zum gewohnten Bild von Demonstrationseinsätzen der Polizei. Seit 1980/81 gibt es zwei verbesserte Versionen – Großwasserwerfer (WaWe 9) mit 15 atü und einer Wurfweite von 60 Metern - ebenfalls fahrbar... „Wasserkanone“: sie wird mit Schläuchen an einen Hydranten angeschlossen, so dass – im Gegensatz zu den herkömmlichen Wasserwerfern – pausenlos mit Wasser, dem auch Kampfgas beimischbar ist, „gefeuert“ werden kann... Bei einem – von Polizisten geschätzten – Druck von über 15 atü werden den Beschossenen buchstäblich die Beine weggeschleudert; bei einer geringen Entfernung sind schwere innere oder gar tödliche Verletzungen nicht auszuschließen (...)1


Wir hatten sie nicht nach ihrem Namen gefragt, wir hatten ja nicht einmal versucht, Erste Hilfe zu leisten. Kaum hatten wir ihr ein paar beruhigende Worte sagen können. Versprochen haben wir ihr jedoch, vielleicht auch nur, um sie zu beruhigen, den anderen zu berichten. Von diesem kleinen, gemessen am Weltgeschehen unwesentlich erscheinenden – und in keiner Zeitung jemals auftauchenden – Ereignis. Von dieser kleinen Begebenheit im Herbst 1982, in dem wir noch voller Hoffnung gewesen waren. Voller Hoffnung, der Vernichtung unserer Welt, wie wir sie liebten, mit all unserer Kraft, unserem Lachen und unserem Singen – zuletzt mit unseren eigenen Körpern – Einhalt gebieten zu können.

 

 

© Birgit Ohlsen, veröffentlicht in „Das Taubstummenhaus“. Schweinfurt, 2004

1 Gössner, Rolf u. Uwe Herzog, Der Apparat. Köln 1982

 
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