Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Der Tod ist ein kleiner Vogel

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Noch war sie sich nicht sicher, ob allein das für einen Julimorgen zu kalte und stürmische Wetter die Ursache gewesen sein mochte für das Unwohlsein, das sie wenige Schritte nach dem Verlassen ihrer Wohnung befallen hatte.

Der wahre Anlass wäre sogar greifbar gewesen, hätte nicht jene magische Schwelle sie zurückweichen lassen. Einen kurzen Augenblick lang hatte sie dem Bedrohlichen ins Auge sehen müssen, länger konnte sie den fremden, gebrochenen Blick des toten Vogels nicht ertragen.

So besaß sie auch nicht die Kraft, dies leblose kleine Wesen, das sich zum Sterben ausgerechnet den Ort ausgesucht hatte, den sie täglich auf ihrem Weg zur Arbeit passieren musste, beiseite zu legen, es unter Umständen sogar in ein an den Bürgersteig angrenzendes Blumenbeet zu tragen, ihm ein ungestörtes, würdigeres Grab zu bereiten.

Hätte sie der momentanen Regung nachgegeben, so hätte sie unweigerlich den Tod fassen müssen. Dieser Gedanke schreckte sie, die sich auch jetzt noch mit aller verbliebenen Kraft an ihr monotones Leben klammerte, über alle Maßen.

Also beschleunigte sie den Schritt – sie hatte sich kaum eine Minute aufgehalten – und erreichte mit gewohnter Pünktlichkeit den Ort, an dem man sie seit Jahren schon erwartete, und stets zur selben Zeit.

Regen und Kälte, sogar zeitweilig durchbrechender Sonnenschein draußen drangen kaum zu ihr durch an den Platz, dem sie sich nun ausgeliefert fühlte für acht Stunden. Mattbeschichtete Glasscheiben verhinderten jeglichen Sichtkontakt mit der wilden Kirsche, dem Birnbaum und dem Apfelbaum, die sich fruchtlos schütteln ließen im Sturm vor der Fabrikanlage. Irgendwann hatte irgendwer sie zu roden vergessen, so hatte es den Anschein. Irgendwann. Aber das lag lange, sehr lange Zeit schon zurück.

Sie bemühte sich, wie alltäglich mechanisch Zahlenreihe unter Zahlenreihe zu fügen, mit blauem Stift Bearbeitungsvermerke nach getaner Arbeit ordentlich und der Vorschrift entsprechend in die rechte untere Ecke des jeweiligen Formulars zu setzen – und stellte trotz der ansonsten vertrauten Routinehandgriffe eine ihr selbst unerklärliche, in keiner Relation zu ihrer sonstigen Arbeitsleistung stehende Fehlerquote fest.

Beunruhigt ob dieses ungewohnten Versagens ertappte sie sich dabei, dass sie einen Moment lang den verunsicherten Blick ziellos schweifen ließ. So kam es, dass sie, ohne willentliches Zutun, durch eine nie zuvor bemerkte schadhafte Stelle im weiß überstrichenen Fenster ein längst vergessenes Bild fixierte.

Wäre ihr Blickwinkel ein anderer gewesen, so hätte sie ohne jeden Zweifel lediglich einen Ausschnitt der Fertigungshalle sehen können, die parallel zu jenem Gebäude errichtet war, in dem sie arbeitete.

Hätte der Fabrikbesitzer auf die turnusmäßige Instandhaltung seiner Anlagen denselben Wert gelegt wie auf die Optimierung seines Umsatzes, so wäre andererseits der defekte Sichtschutz der Bürofenster längst erneuert worden: Ein reibungsloser Arbeitsablauf wäre ihm auch in Zukunft garantiert gewesen. So konnte es jedoch geschehen, dass sie zum ersten Mal seit langem die friedlich schwingenden Blätter eines Birnbaum-Astes wahrnahm. Zuerst geschah dies wie im Traum, halb im Unbewussten. Als sie sich jedoch davon überzeugt hatte, dass ihre Sinne sie nicht trügen konnten, musste sie, und noch konnte sie sich nicht erklären, warum, wieder an den toten kleinen Vogel denken. Vögel, ja, die hatte es früher gegeben in Bäumen: singende, lebende Vögel.

Sie schloss die Augen, nur eben lang genug, um sich einen Baum ins Gedächtnis zurückzurufen. Einen Baum, in dem buntgefiederte Vögel zwitscherten und sangen. Bäume, Vögel, blühende Wiesen, duftendes Heu: Bilder aus einer längst verspielt geglaubten Welt.

Dann öffnete sie die Augen wieder, stand sogar auf von jenem Platz, dem sie verpflichtet war per Vertrag seit Jahren schon, und wagte die paar Schritte bis zum Fenster.

Von Natur aus war sie nicht besonders groß, und so forderte ihr Vorhaben, das sie nun ohne die gewohnte Zurückhaltung in die Tat umzusetzen gewillt war, dass sie eine wahre Ungeheuerlichkeit beging. Sie nahm noch einmal, ein allerletztes Mal, den blauen Stift zur Hand, zweckentfremdete ihn diesmal jedoch, indem sie nicht die Mine, sondern den scharfen silberfarbenen Druckknopf an den unteren Rand des bereits vorhandenen Defekts in der Fensterglasbeschichtung ansetzte, um diesen durch Schaben zur annähernd tellergroßen Sichtlücke zu erweitern.

Den Rest des Vormittags verweilte sie neben dem ungewohnten, neuen Ausblick. Zwar war sie anfangs noch recht erstaunt über ihre eigene Kühnheit, aber jegliche weitere Bedenken wurden von einer lange, sehr lange nicht mehr empfundenen stillen Freude überlagert: Einer unsagbaren und also auch un-erklärlichen Freude, die, so schien es ihr zumindest, in unmittelbarem Zusammenhang stehen musste mit eben jener kleinen Ungeheuerlichkeit, die es bedeutet haben mag, die Veränderung von Dingen zu wagen.

Gegen Mittag schließlich begab sie sich, einem neuen Impuls folgend, zurück an ihren Arbeitstisch, spannte ein blütenweißes Blatt Papier in die Schreibmaschine ein. Anstelle der geforderten weil umsatzbestätigenden Zahlenreihen schrieb sie erstmals in ihrem Leben ihre eigenen Gedanken auf, eine für den Fremden auf den ersten Blick recht unübersichtlich weil un-durchschaubare Aneinanderreihung von Wörtern und Sätzen, die schließlich zu erzählen begannen von blühenden Bäumen und von zwitschernden Vögeln in fruchttragenden Bäumen, und die möglicherweise nur für sie allein ihre Bedeutung haben mochten.

Als sie ihre Gedanken zu Papier gebracht hatte, entnahm sie den Bogen der Maschine und bedeckte die nunmehr unbearbeitet bleibenden Formulare damit. Danach packte sie all ihre persönlichen Dinge zusammen, auch die, die jahrelang ihr karges Büro geschmückt hatten, und ging. So einfach erschien ihr dies auf einmal: Sie verließ ganz eigen-mächtig ihren Platz, der von nun an nicht mehr ihr Platz sein würde, und ging.

Auf dem Weg, den sie nun einschlug, sah sie, dass der tote kleine Vogel noch immer an derselben Stelle lag wie am frühen Morgen. Nun, da sie Zeit hatte, un-endliche Zeit, hockte sie sich neben ihn, legte behutsam eine zuvor gestohlene rote Blume auf den kleinen Körper

und summte ihm

ein

Kinderlied

 

© BiO (veröffentlicht in “Das Taubstummenhaus”. Schweinfurt 2005)

 

Der Tod ist ein kleiner Vogel
 
Huette011.jpg

Hütten

  •  Alle Bilder © bio,  2011
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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany