Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Das Märchen von der ängstlichen Sonne

 

Ein langes, erstauntes und freudiges OOOhhh war zu hören, als Oskar wie jeden Morgen aufwachte und die Vorhänge am Fenster zurückzog, um die Morgensonne ins Zimmer zu lassen. An diesem Morgen waren die wunderschönsten Regenbogenfarben zu sehen.

Oskar freute sich über diesen Anblick und vergaß darüber all seine Sorgen. Vorbei war es mit der grauen Häuserfront direkt gegenüber. Der Schornstein des nahegelegenen Heizkraftwerkes erstrahlte in den schönsten Farben. Die Chemiefabrik mit den hässlichen roten Klinkerwänden sah nun aus wie ein Maharadschatempel. Ein entzücktes OOhh! hörte man etwa zur selben Zeit aus der Asylunterkunft, in der Asmaa lebte. Noch nie hatte sie in ihrem Leben einen so schönen Morgen erlebt. Vorbei war es mit der Angst vor denjenigen, die misstrauisch gegenüber jedem Fremden waren. Nicht nur Asmaa erlebte diesen zauberhaften Morgen, sondern alle Menschen, ja alle Menschen auf der Erde.

Und was wurde aus der Geschäftigkeit der Menschen? Aus den Vätern, die keine Zeit für ihre Kinder hatten, weil Wichtigeres zu tun war? Den Menschen, die jeden Morgen zur Arbeit und dann nach Hause zurück hetzten? Aus der Verkäuferin im Supermarkt, die nur noch Zeit für das Einräumen der Regale hatte? Aus der Kassiererin, die ständig die Preise einscannte und kassieren musste? Aus den Menschen, die in einer Schlange standen und ungeduldig warteten? All diese geplagten und gehetzten Menschen, die für alles Zeit haben mussten, nur für sich selbst nicht, sie wurden plötzlich ganz still. Vorbei war es mit der Hektik, denn die neue Sonne gab den Menschen die Zeit zurück.

OOhh! – Und dieses OOhh kann man als Mensch nur hören, wenn alles ganz still ist und man aufmerksam lauscht. Dann hört man das OOhh der Wälder, der Bäche, der Flüsse, der Tiere vielleicht, und wenn man noch aufmerksamer lauscht, dann hört man das OOhh des Windes, der Wolken und der Luft vielleicht, und wenn man so aufmerksam lauscht, wie man nur lauschen kann, dann hört man dieses OOhh, das nun zu hören war: das OOhh der Erde.

Wie viele OOhhs des Leids hatte die Erde den Menschen schon zu verstehen gegeben. Die Erde litt unter den Menschen, seit sie begannen, die Luft durch große Fabriken und immer schneller werdende Autos zu verpesten, das Wasser mit Chemikalien und Schwermetallen zu vergiften, Bomben zu bauen, die die gesamte Menschheit mehrmals töten konnte, Atomkraftwerke in die Welt zu setzen, die die ganze Erde mit ihrer radioaktiven Strahlung vernichten konnten. Kein Wunder, dass die Erde über die Menschen klagte. Aber hörten die Menschen auf sie? Doch dies OOhh, das nun zu hören war, war keineswegs ein Klagen über die Menschen. Es war das OOhh des Erstaunens, der Freude und des Glücks über die neue Sonne, die die Atmosphäre der Erde in ein zauberhaftes Licht tauchte, so dass alle Sterne am Himmel mit in das OOhh der Erde einfielen.

Und was war der Grund für das alles? Na ja, du weißt es sicherlich schon, es war die neue Sonne, die am Himmel stand. Und wärst du auf der Erde gewesen, als das geschah, so hättest du zwei Sonnen am Himmel sehen können. Die alte, dir wohlbekannte Sonne, in die man nicht hineinschauen darf, ohne die Augen fast ganz zu schließen. Die alte Sonne, die du jeden Tag sehen kannst, wenn der Himmel nicht ganz mit grauen Regenwolken verdeckt ist. Die alte Sonne, die den schönen Regenbogen macht und an manchen Tagen am Abend den Himmel ganz rot erscheinen lässt, und wenn sie über dem Meer untergeht, immer größer und roter wird, bis sie im Meer verschwindet. Die alte Sonne, die an manchen Tagen die grauesten Häuser mit ihren Strahlen vergoldet und selbst die traurigste Stimmung vertreiben kann, wenn sie ihr Licht auf die Erde wirft.

Nein! Du hättest auch die neue Sonne gesehen. Mit ihren in allen Farben getauchten Strahlen ließ sie die Gegenstände wie in einem Kaleidoskop erscheinen. Als wollte sie mit der alten Sonne wetteifern. Als wollte sie den Menschen zu verstehen geben, dass sie nun eine neue schönere Sonne hätten und die alte Sonne ruhig in Rente schicken könnten. Aber das war nicht der Fall, sondern manche Menschen glaubten das nur. Alle waren überglücklich und erfreuten sich an der neuen Sonne.

Wirklich alle? Was war mit dem Mond? Blieb er nicht still wie immer? Als wüsste er schon alles? Als würde er die neue Sonne schon seit Urzeiten kennen?

"Was ist mit dir, Mond?" fragte die Erde. "Schläfst du noch? Nun aber aufgewacht! Schau dir mal die neue Sonne an und vor allen Dingen mich, wie wunderschön ich unter ihr aussehe. Aquamarinblau ist mein Himmel, schneeweiß sind meine Wolken, sattgrün meine Wälder und Wiesen und meine Steine glänzen in den allerschönsten Farben. Na! Was sagst du jetzt?" Doch der Mond ließ sich von der Erde nicht in seiner Ruhe stören. Schon gar nicht, wenn sie ihm so kam. "He Mond! Redest wohl nicht mehr mit mir? Bist wohl neidisch, weil du nicht so schön aussiehst wie ich?" fuhr die Erde fort, als sie keine Reaktion vom Mond bekam. "Red‘ keinen Unsinn" hörte man da den Mond zu Erde sagen. "Du weißt ja gar nicht, warum alles so wunderschön ist. Das liegt nämlich an der ängstlichen Sonne, die sich endlich dazu durchgerungen hat, zu scheinen. Das war ein hartes Stück Arbeit für das Universum. Aber jetzt ist ja alles wieder in Ordnung," sprach der Mond. Die Erde aber wurde immer neugieriger, die Geschichte von der ängstlichen Sonne zu hören. "Ängstliche Sonne? Noch nie davon gehört Mond. Was hat es damit auf sich? Komm erzähl schon die Geschichte!" flüsterte die Erde zum Mond. "Willst du sie wirklich hören? Ich bin zwar ziemlich müde von all dem, aber wenn du sie wirklich hören möchtest, ja, dann erzähl ich sie dir," erwiderte ihr der Mond.

"Es war vor langer Zeit, als die ängstliche Sonne zur Welt kam. Und sie war neugierig, alles kennenzulernen, wie jedes Kind. Und sie sagte zu ihrer Mutter: "Komm zeig mir alles, denn ich will wissen wie es funktioniert!". Aber die Mutter hatte nur wenig Zeit für ihr Kind. Immer musste sie andere Dinge tun. Drei Arbeitsstellen hatte sie und so hetzte sie den ganzen Tag von einem Planeten zum anderen. Deshalb beschloss die ängstliche Sonne, selbst alles zu erkunden. Von einem Stern zum anderen ließ sie sich vom Sternenwind tragen und fragte alle nach ihren Namen. Und die Sterne sagten ihr, wie sie hießen. So kannte sie nach kurzer Zeit alle Sterne am Himmel und konnte mit ihnen reden. Aber auch die Sterne waren zu dieser Zeit sehr beschäftigt. Viele hatten keine Zeit, mit der ängstlichen Sonne zu spielen.

Da suchte sich die ängstliche Sonne andere Sternenkinder und spielte mit ihnen. Und weil die ängstliche Sonne in dieser Zeit gar nicht ängstlich war, sondern aufgeschlossen und abenteuerlustig, ersann sie immer aufregendere Spiele und spielte dem ein oder anderen Sternenkind auch einmal einen Streich. Doch eines Tages, mitten im spannenden Versteckspiel, rief ein Sternenkind: "Mir fehlt ein Planet! Wer hat meinen Planeten gestohlen?" Da drehten sich alle Sternenkinder um und sahen die ängstliche Sonne an. "Das warst du!" war es da zu hören, "Du hast den Planeten geklaut!"

 

Doch die ängstliche Sonne hatte den kleinen Planeten nicht. "Nein!" schrie da die ängstliche Sonne und wollte sich hinter der Milchstraße verstecken. Doch dafür war es schon zu spät. "Du willst fortlaufen? Na warte!" schrien die Sternenkinder und fingen die ängstliche Sonne ein. "Jetzt stellen wir dich vor das Sternengericht." sangen sie. Auch du hättest dich sicherlich gefürchtet, so wie die ängstliche Sonne es nun tat. Und sie wurde verurteilt, zwei Tage lang Sternenstaub zu essen, der so abscheulich schmeckt wie Rosenkohl mit Graupensuppe. Die ängstliche Sonne wollte von nun an von den anderen nichts mehr wissen. Vorbei war es mit den Streichen und den Spielen.

Sie dachte darüber nach, ob das ganze Leben schon seit der Geburt vorherbestimmt sei. So wie ein Stein immer nach unten fällt, so sei es auch mit dem Leben, überlegte sie sich. Jeder nimmt von Geburt an einen Platz im Leben ein, so wie es die Sterne am Himmel tun. Nichts kann daran geändert werden.

Dann aber kamen ihr Zweifel. Vielleicht muss jeder seinen Platz im Leben suchen. Also ist nichts vorherbestimmt und jeder ist selbst für sich verantwortlich, was er aus seinem Leben macht. Als sie darüber grübelte, kam ihr plötzlich die Idee, das Funkelsternchen anzusprechen, denn mit dem hatte es immer prima spielen können. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag. Als die ängstliche Sonne aber am nächsten Tag freudig auf das Funkelsternchen wartete, wurde sie sehr enttäuscht. Es kam einfach nicht! Und alle Sternchen, die an der Sonne vorbeiflitzen, hatten auf einmal keine Zeit mehr, mit ihr zu spielen. Alle ihre Spielgefährten hatten sie im Stich gelassen. Trau keinem, nur dir selbst, sagte die ängstliche Sonne da zu sich und blieb fortan zu Hause. Niemanden wollte sie mehr sehen, denn sie war sehr traurig.

Und als sie so ganz alleine zu Hause war, geschah etwas Seltsames mit der ängstlichen Sonne. Du wärst vielleicht wütend über die anderen gewesen und hättest es denen gesagt. Die ängstliche Sonne hingegen verkroch sich in ihrem Haus wie in einem Schneckenhaus. Auch als ein neu hinzugezogenes Sternchen vorbei kam und die ängstliche Sonne fragte, ob sie mit ihm Sternenräuber und Gendarm spielen wolle, antwortete sie: "Ich kann heute nicht. Ich fühle mich krank. Spiel ohne mich." Das war aber gelogen. In Wahrheit hatte die ängstliche Sonne ja Angst und glaubte, dass die Einladung zum Spielen gar nicht ehrlich gemeint war. Sie wollen mich wieder reinlegen, dachte sie. Also blieb sie lieber zu Hause.“

"Och ist das traurig" sagte die Erde zum Mond, der allmählich etwas müde geworden war. "Wie können die Sternchen auch nur so gemein sein und die ängstliche Sonne verdächtigen, den Planeten gestohlen zu haben. Aber sag, Mond, wer hat ihn denn nun gestohlen?" "Gar keiner!" erwiderte der Mond. "Der Planet hatte nur einen Ausflug gemacht und niemandem Bescheid gegeben. Nach zehn Tagen war er wieder an seinem Platz. Aber da war schon alles zu spät und kein Stern kam auf die Idee, sich bei der ängstlichen Sonne zu entschuldigen. Es war ihnen peinlich. Deshalb schickten sie auch das neue Sternchen bei der ängstlichen Sonne vorbei, um sie zum Planetenspiel einzuladen." "Ohhh! Das himmlische Planetenspiel. Mond: sollen wir es nicht noch einmal miteinander spielen?" frohlockte die Erde.

"Ich fürchte fast, dass wir dafür nun doch etwas zu alt sind. Außerdem ist es bald Zeit, mich am Himmel für die Menschen zu zeigen. Ich erzähl dir die Geschichte morgen weiter." Und als der Mond das gesagt hatte, wurde es für einen Teil der Menschen Nacht auf der Erde und sie konnten den wunderschönen Mond sehen, der von nun an von zwei Sonnen erleuchtet wurde. Die Menschen auf der Erde wollten gar nicht schlafen gehen, denn die Nacht war so klar und wunderbar. Sie feierten Feste und tanzten auf den Straßen, so wie beim Karneval in Rio, einer Stadt in Brasilien, in der die Menschen mit vielen bunten Kostümen sehr ausgelassen feiern. Der Erde, die Tag für Tag sich um sich selbst dreht, konnte es nicht schnell genug gehen, weil sie es kaum erwarten konnte, die Geschichte weiter zu hören. Am liebsten hätte sie sich schneller gedreht. Danach zumute war ihr schon. Aber dann dachte sie an die Menschen. Die wären sicher mit der Zeit durcheinander gekommen, wenn die Nacht und der Tag in 24 Stunden zweimal gekommen wären. Also nahm sie sich zusammen und drehte sich genauso wie immer.

Die Erde liebte Geschichten und oft genug hat der Mond ihr welche erzählt. Sie glaubte sogar, dass es ein eigenes Geschichtenuniversum geben müsste. Und immer wenn jemand eine Geschichte erzählt, wird in diesem Universum ein Stern geboren.

"Hallo Erde! Träumst du?" wurde die Erde vom Mond aufgeschreckt. "Nein! Hab nur an deine Geschichte von der ängstlichen Sonne gedacht und mir überlegt, wie sie weitergehen könnte." murmelt die Erde.

"Na dann hör gut zu, wie es weiter geht," fuhr der Mond fort. "Die ängstliche Sonne war von dieser Zeit an ganz allein zu Hause und spielte mit sich selbst. Doch es kommt die Zeit, wie sie für uns alle kommt, dass wir allein am Himmel unseren Platz einnehmen müssen. So kam auch die Zeit für die ängstliche Sonne. Und da sie mit niemandem zusammen sein wollte, suchte sie sich einen Platz, an dem keiner sie sehen konnte. Sie versteckte sich hinter dem Andromedanebel. Der Platz ist so verlassen, dass kein Stern dort Urlaub machen oder freiwillig jemals diesen Platz aufsuchen würde.

Eines Tages aber kam der Sternenbriefträger mit einem Brief vom Funkelsternchen zu der ängstlichen Sonne. „Post für dich vom Funkelsternchen!“, rief er und warf ihr den Brief vors Gesicht. Die ängstliche Sonne war sehr neugierig und öffnete ihn.

Wie erstaunt war sie aber, als sie nun las, wie sich das Funkelsternchen dafür entschuldigte, damals nicht zum Spielen gekommen zu sein. Es musste seinem Vater beim Bestellen des Sternengartens helfen. Die Sternchen seien alle sehr traurig, dass sie damals die ängstliche Sonne verdächtigt hatten. Der Planet sei von selbst abgehauen, und niemand hätte ihn geklaut. Schon gar nicht die ängstliche Sonne! Und ganz zum Schluss stand in dem Brief noch, dass das Funkelsternchen die ängstliche Sonne doch sehr vermisse.

Oh je, dachte da die ängstliche Sonne, als sie den Brief zu Ende gelesen hatte. Ein paar Tränen konnte man in ihrem Gesicht sehen. Doch dann fasste sie Mut, denn sie wollte das Funkelsternchen nicht allein lassen. Sie machte sich auf in unsere Galaxie und sah das Funkelsternchen in der Nähe unseres Planetensystems. So kam es, dass sich die ängstliche Sonne direkt neben die alte Sonne stellte und mit ihren Strahlen das gesamte Planetensystem vergoldete. Besonders du, Erde, siehst jetzt noch schöner aus!“

„Ich war schon immer so schön!“, gab die Erde dem Mond zu verstehen. Und jetzt ist das Märchen zu Ende und du schläfst sanft ein. Kuss und Schluss.

 

© GOO, 1994

 

 
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Hütten

  •  Alle Bilder © bio,  2011
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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany