Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Das Erdloch

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Ich wohne im Erdloch, mitten im Wald. Kein Anschluss ans Stromnetz. Stattdessen Solarzellen, an einem Mast montiert. Projekt Alpha des Landschaftsverbandes Berlin. Das Schild habe ich an den Mast angebracht, damit keiner auf dumme Gedanken kommt. Geld habe ich genug.

Alles fing mit einem 200.000 Euro Kredit an. Den hat mir damals meine Bank gegeben, weil ich im eigenen Haus leben wollte. Das Haus war eine Schrottimmobilie. Ich habe sie billig bekommen, für 100.000 Euro. Lag in bester Wohngegend. Direkt neben den Luxusvillen in Berlin Pankow. Für 10.000 Euro hat mir eine Schlepperbande 10 Moldawier geliefert. Die haben für mich das Haus saniert. Gewohnt haben sie in der Schrottimmobilie. Wasser- und Stromanschluss gab es ja noch. Für 2000 Euro im Monat haben die Tag und Nacht geackert. Nach 2 Monaten war alles fertig. 2 Luxuswohnungen mit echtem Stäbchenparkett. Ich glaube, die Menschen, die Geld haben, haben Angst, dass ihr Geld irgendwann einmal nichts mehr wert ist. Dann brauchen sie etwas anderes, womit sie tauschen können. So bin ich die Wohnungen auch schnell losgeworden. Haben mir 500.000 Euro eingebracht. Damit konnte ich den Kredit abzahlen und die Moldawier natürlich auch. Die waren so dankbar, dass wir zusammen moldawisches Richtfest gefeiert haben. Danach bin ich auf die Idee mit dem Erdloch gekommen. Habe lange den Grunewald nach einer günstigen Stelle abgesucht. Die einzigen Besucher, die sich an meinem Erdloch blicken lassen, sind die Wildschweine. Angst ums Geld habe ich auch nicht. Wer in einem Erdloch wohnt sorgt sich eher darum, dass er unerkannt bleibt und verschwiegene Freunde hat.

Zuerst hatte ich nur ein Zimmer, nein, ein Loch in meinem Erdloch. Ein Ein-Loch-Erdloch sozusagen. Es war nass und im Winter kalt. Aber mit den 200.000 Euro, die ich vom Hausverkauf übrig hatte, konnte ich mir schon etwas Luxus in meinem Erdloch leisten. Eine schnelle Internetverbindung und eine komplette Wärmeisolierung zum Beispiel. Das mit den Schrottimmobilien und den Moldawiern habe ich dann mehrmals gemacht. Seit 10 Jahren mache ich das inzwischen.

Die Moldawier sind immer ehrlich zu mir gewesen. Dadurch sind meine Gewinne immer größer geworden. Den Moldawiern konnte ich sogar mehr zahlen. Die haben sich wie die Schneekönige gefreut. Als sie aber hörten, dass ich in einem Erdloch wohne, haben sie mich ausgelacht. Aber dann habe ich es ihnen gezeigt, und sie haben mich blöd angeguckt. Mein Erdloch haben sie aber trotzdem prima ausgebaut. Inzwischen wohne ich in einem Elf-Loch-Erdloch, vergleichbar mit einer Villa. Ich habe Heizung, Strom, Energiespeicher und Wasseraufbereitung. Bin schließlich nicht an die Kanalisation angeschlossen. Natürlich lebt es sich in einem Erdloch sehr zurückgezogen. Der einzige Kontakt nach draußen sind die Moldawier, das Internet und die Arztbesuche. Alles andere lasse ich mir inzwischen von Menschen meines Vertrauens anliefern. Verschwiegenheit ist sehr wichtig. Will schließlich nicht auffliegen. Obwohl ich in RTL oder anderen Schrottsendern bestimmt eine prima Realityshow abgeben würde.

Die Moldawier führen inzwischen das Geschäft. Davon hat das Dorf, aus denen die alle kommen, mächtig profitiert. Die waren sogar im Fernsehen und ihr Dorf musste als Musterbeispiel deutsch-moldawischer Wirtschaftsbeziehungen herhalten. Aber über mein Erdloch sagen sie nichts, und das ist gut so. Ich glaube, sie sind meine Freunde.

Inzwischen bin ich sehr reich geworden. Ca. 60 Millionen Euro habe ich angehäuft. Ich lebe sehr zurückgezogen in meinem Erdloch.

Einmal wollten die Moldawier mir eine Freude machen und mich mit einem Mädchen aus ihrem Dorf verheiraten. Da aber habe ich direkt nein gesagt. Ich will einer Frau mein Leben nicht zumuten. Zu der Zeit, als ich die erste Schrottimmobilie saniert habe, habe ich auch mit den Moldawiern dort gewohnt. Zwischen all dem Bauschutt und dem anderen Gerümpel. Das hat mir Spaß gemacht. Nie mehr wollte ich in einem gewöhnlichen Haus wohnen. Am liebsten auf der Müllhalde, aber da wäre ich aufgefallen. So gute Möglichkeiten wie im Wald hat man dort auch nicht. Also bin ich auf die Idee mit dem Erdloch gekommen. Bereut habe ich es noch nicht. Doch, einmal schon. Ich habe eine Frau kennengelernt. Ich glaube, sie mochte mich. Aber als ich ihr das mit dem Erdloch erzählte, ist sie schreiend aus dem Lokal gelaufen, in dem wir uns verabredet hatten.

Was soll ich sagen? Mir geht es gut. Ich habe viele Freunde in Moldawien und alles, was ich zum Leben brauche. Aber was soll ich mit dem ganzen Geld machen? Irgendwann werde ich sterben. Ein Grabzimmer haben mir die Moldawier schon gebaut. Ich wollte es so haben, wie die Ägypter. Den Moldawiern braucht man nur ein Foto zu zeigen, und schon machen sie dir den schönsten Sarkophag, den man sich vorstellen kann. Als Grabbeigaben werde ich ein paar Goldklumpen und eine Kette aus Messing, die ich von meinem Vater geerbt habe, hineinlegen lassen. Der war Schreiner, hat aber so viel gesoffen, dass sich meine Mutter von ihm trennen musste. So bin ich auch als Kind allein groß geworden. Freunde auf der Schule hatte ich nicht. Ich war unauffällig. Habe mich aus allem raus gehalten, so gut es eben ging. Nur einmal hatte ich Ärger, als einer von mir Schutzgeld forderte, damit er mich nicht verprügelt. Das habe ich dem Direktor gemeldet. Aber ich habe dem gesagt, dass er bei der Geldübergabe schon dabei sein sollte. Hat geklappt. Der Schüler ist sofort von der Schule geflogen. Hat sein Abitur auf dem dritten oder vierten Bildungsweg gemacht und sogar ein Buch geschrieben: Wie mache ich meine erste Million. Das hat ihn dann zum Millionär gemacht.

Mein Geld könnte ich verbrennen oder den Wildschweinen verfüttern. Vielleicht mögen die das. Besser wäre eine Stiftung, dann könnte ich mir ein Denkmal setzen lassen. Aber einer, der im Erdloch wohnt, ist kein gutes Vorbild. Dann gebe ich lieber alles den Moldawiern. Die werden sich bestimmt freuen, ach, was sage ich, die werden mich verehren.

Dass ein Erdloch solche Auswirkungen auf ein ganzes Leben haben könnte, hätte ich anfangs nicht gedacht. Aber ich mache mir mal wieder zu viele Gedanken. Ob ich nun im Erdloch, im Bauwagen oder im Eisenbahnwaggon wohne, spielt eigentlich gar keine Rolle mehr. Hauptsache ist, die Moldawier bleiben bis zu meinem Tod bei mir. Aber daran zweifle ich nicht mehr.


© GOO, September 2012

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1. Auflage 2013, 234 Seiten, Paperback 8,95 Euro

ISBN: 9783897737266


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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany