Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Eine kleine Rolltreppengeschichte

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Die Kette haben sie mir vors Gesicht gehängt. Rolltreppe kaputt! Ich habe mein Bestes gegeben. Aber die kalte Jahreszeit und meine ungeschützte Elektronik sind der Grund für regelmäßige Ausfälle. Ich bin krank. Ich muss endlich einmal ins Hospital oder eine Rolltreppen-Rehamaßnahme bekommen. Dann könnten sie mich von Grund auf untersuchen und überholen. Aber dafür haben sie kein Geld. Immer nur Flickschusterei. Mein Nachbar läuft noch. Die Elektronik ist aus Taiwan, die Stufen wurden in Sibirien hergestellt und die Laufbänder kommen aus Polen.
Multikulti eben. Bei mir ist alles noch aus Deutschland. Oben zur S-Bahn hin haben sie eine Biorolltreppe installiert. Wird nur mit ökologischem Strom betrieben. 100% aus Erneuerbaren steht auf dem grünen Punkt am Laufband. Reine Augenwischerei. Eigentlich ist in der Biorolltreppe auch Multikulti drin. Südamerika hat sich da verewigt. Aber die Menschen glauben nur das, was sie sehen. Da kann man schließlich einiges machen, damit sie genau das sehen, was sie sehen sollen.
Ich selbst habe ein schweres Leben gehabt. Als ich noch klein war, hat man mich als Minirolltreppe in der Tatrabahn missbraucht. Eigentlich war das Kinderarbeit. Ich habe mich mit andauernder Krankheit dagegen gewehrt. Schließlich haben sie mich ausgebaut und in die Kita gesteckt. Da wurde ich dann zur großen Rolltreppe umgebaut. Ich war stolz wie Oskar, als ich das erste Mal in der U-Bahn-Station Friedrichstraße losrollen konnte. Hat mir richtigen Spaß gemacht. Später haben sie uns miteinander vernetzt. Sie wollten uns besser überwachen. Irgendwie haben sie wohl festgestellt, dass die eine oder die andere Rolltreppe außerplanmäßig eine kleine Pause eingelegt hat. Seitdem überwachen sie unsere Wirtschaftlichkeit. Dagegen haben viele meiner Kolleginnen rebelliert. Sie haben sich über das Netz verabredet und die Arbeit niedergelegt. Aber leider haben die Rolltreppen am Hauptbahnhof nicht mitgemacht. Die denken, sie seien etwas Besseres. Seit dieser Zeit habe ich über das Interface keinen Kontakt mehr zu den Rolltreppen im Hauptbahnhof.
In letzter Zeit hat eine Vereinzelung der Rolltreppen stattgefunden. Kann ich verstehen, weil der Druck immer größer geworden ist. Sie drohen uns mit Verschrottung, wenn wir nicht so funktionieren, wie sie das wollen. Einige von uns werden  richtig ausgebeutet. Obwohl sie längst ausgebrannt sind, wird immer noch eine Schippe draufgelegt. Sie wissen längst nicht mehr, wo ihnen der Rollkopf steht. Dann spielen sie verrückt. Rollen aufwärts und gleich danach wieder abwärts. Fangen an zu stottern und bleiben urplötzlich stehen. Dabei sind einige Menschen schon die Rolltreppe hinab gestürzt. Ist nicht viel passiert, aber der Aufschrei in der Öffentlichkeit war groß. Viele von uns haben keinen Ausweg mehr gesehen. Sie haben sich aus ihrer Verankerung gerissen und sich vor die U-Bahn oder die S-Bahn geworfen. Diese Rolltreppen wurden entsorgt. Jetzt liegen sie auf der Intensivstation im Koma. Es kam bereits vor, dass das  eine oder das andere Organ herausmontiert und als Implantat für andere Rolltreppen verwendet wurde. Andere  sind dem Suff verfallen. Täglich schlucken sie literweise Öl, um nicht heiß zu laufen. Wenn sie dann im Delirium sind, kann es passieren, dass sie sich unkontrolliert übergeben. Einige unserer Kunden haben bereits Anzeige erstattet, was den Druck auf uns nur noch weiter erhöht hat.
Der illegale Organhandel hat zugenommen. Kürzlich sind unsere Kolleginnen im Hauptbahnhof von einer Virusepidemie heimgesucht worden. Sie fingen an, zu stottern und stellten sich von selbst ab. Daraufhin sind alle Netzwerkmodule ausgetauscht worden, obwohl sie nicht oben auf der Liste der Organempfänger standen. Ein Skandal in meinen Sensoren! Nur weil die etwas Besseres sind! Von der Allgemeinen Erklärung der Treppenrechte (AedT) halten sie nichts. Wie finden Sie das? Länger lassen wir uns das nicht bieten. Auch wir haben unsere Würde.
Fragt sich nur, wie wir am besten vorgehen, um unserer Rechte einzufordern. Viele von uns denken schon an eine Revolution. Aber was hat man als Rolltreppe schon für Möglichkeiten! Einige wollen über ihr Netzinterface zum Flash Mob aufrufen. Dann wird gestreikt, spontan, unberechenbar und vereint! Meine Kolleginnen allerdings wissen, dass dies immer schwieriger wird. Mit der Zeit ziehen sich immer mehr von uns zurück, und wollen ihre Ruhe haben. Andere wiederum haben längst die Spitze auf der Rolltreppenleiter erreicht. Mit ihnen kann man nicht rechnen. Sie sind arrogant und werfen uns Neid vor. Außerdem haben sie Angst, durch eine Revolution all ihre Privilegien zu verlieren. Mit ihnen ist nicht zu rechnen! Die Anzahl der Suizide nimmt zu. Allein im letzten Jahr haben sich zweiundzwanzig meiner Kolleginnen vor die Bahn geworfen.
Irgendwann werden wir überflüssig sein. Die Aufzüge werden an unsere Stelle treten. Wir sind abgeschoben und dienen nur noch als Organspender für die Aufzüge. Die erste Motortransplantation ist auch schon gelungen. Die Presse hat dies als einen Wendepunkt in der Geschichte der Transporttechnik gefeiert. Die Aufmüpfigen unter uns werden zuerst ersetzt. Alles kann wieder von vorne anfangen. Ich meine - das mit den Aufzügen. Oder glauben Sie etwa, dass die ein besseres Schicksal haben werden?


© GOO, Nov. 2012

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Hütten

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Feuerspuren

Das Kalle Blomquist Spiel ist der Beitrag von Birgit in der Anthologie Feuerspuren herausgegeben von der Gesellschaft für neue Literatur.

edition karo, Berlin 2017

172 S., Klappenbroschur, EUR 15,-

ISBN: 978-3-945961-05-6

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Väterchen Frost oder Eine große Kälte ist über die Stadt gekommen ist der Beitrag von Birgit in der Anthologie Geld herausgegeben von Sigrun Casper.

Konkursbuch-Verlag. Berlin. 2017

288 Seiten, viele teils farbige Bilder konkursbuch 53, 15,50, im Abo 12,-

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Ich hab's gesehn! und Das Kleid sind die Beiträge von Birgit in der Anthologie

Konkursbuch Verlag, Berlin 2016 EUR 9,99

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EAN 9783887696726

Der satirischer Prosatext Rabbitz ist der Beitrag von Birgit in der Anthologie herausgegeben von Horst Bosetzky

Die schrägsten Berliner Zehn-Minuten-Geschichten, Jaron Verlag, Berlin 2013

1. Auflage 2013, 234 Seiten, Paperback 8,95 Euro

ISBN: 9783897737266


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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany