Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Mikado

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Das Jubiläum oder Mikado

I.

An einem stillen Sonntag im Februar eines längst vergangenen Jahres waren sie also zusammengekommen, um ein Jubiläum zu begehen. Die genaue Anzahl der tatsächlich Anwesenden ist ebenso wenig überliefert wie ein noch so flüchtiger Hinweis darauf, welches Ereignis sich um wie viele Jahre hätte runden sollen. Immerhin hatte ein jeder von ihnen eine namentliche Einladung zugestellt bekommen. Zumindest diejenigen, die ich später noch habe befragen können.

Nach und nach waren sie im Bahnhofssaal der mittelgroßen Stadt F. eingetroffen, genau genommen, in einer jener Hallen, die zu früheren Zeiten einmal den Reisenden als zeitweilige Unterkunft gedient hatten oder denjenigen, die sie erwarteten.

Während die einen der Geladenen sich zunächst einmal neugierig umsahen, denn das Leben hatte sie Vorsicht gelehrt, warteten die anderen erst einmal ab und folgten damit, so ist zu vermuten, ebenfalls ihrer Gewohnheit, scheinbar oder tatsächlich interessiert. Es ist anzunehmen, dass sie zumindest einmal einen Blick auf die entlang der hohen Wände ringsum ihr müdes Licht in den Raum werfenden Neonröhren wagten oder aber dem längst im Abblättern begriffenen floralen Deckenstuck.

Hin und wieder begutachtete der eine oder der andere so unauffällig wie möglich den oder die neben ihm Stehenden. Dabei vermied sie oder er mit äußerster Vorsicht eine eventuelle Berührung, ein sich aneinander reiben von erlesenem Schneidertuch an billigem Kaufhaustand, war dabei aufs Peinlichste bemüht, ähnlich verstohlenen Erkundungen der anderen Herumstehenden auszuweichen. Alles war möglich und wurde in Betracht gezogen.

Als einmal allerdings einer es wagte, einen anderen anzusprechen, da war es, als käme eine gigantische Welle ins Rollen: Erst ein Wispern, dann ein Raunen, das im nächsten Augenblick schon zu einem alles überlagernden gewaltigen Rauschen anschwoll und sich in Bruchteilen von Sekunden über den Raum auszubreiten suchte, wo es sich alsbald der stetig dichter gewordenen Atemluft bemächtigte. Keineswegs der durch die Ansprache Gemeinte, auch nicht der geflissentlich Übersehene neben ihm und auch keiner der übrigen Anwesenden verstand noch, was der andere, die anderen ihm hätte sagen wollen, welche Neuigkeiten sich den verschlungenen Weg von Mündern in Ohren zu bahnen hätten suchen wollen, geschweige denn: können. Köpfe drehten sich, auf der Suche nach einer möglichen Lärmquelle, wanden sich auf den Hälsen, suchten den enger werdenden Krawattenschlingen zu entkommen. Vergebens. Manch einer kam, bedingt durch diese zugegeben missliche Körperhaltung, nicht umhin, seinem Nächsten mitten ins Gesicht zu sehen, je nach Körpergröße auch auf Brust oder Bauch, sich angesichts des nichtssagenden Gegenübers umgehend wieder abzuwenden.

Da war die anfängliche Unruhe längst einer unheilvollen Stille gewichen, deren nächste Stufe, das kennt man schon, die Aggression ist. Diese unbändige, diese kaum noch zu zähmende Aggression.

II.

Manch einer, der trotz all dieser verstörenden Sinnesüberlagerungen noch zu denken imstande gewesen war, machte sich nun vielleicht Gedanken darüber, warum der, der ihm gegenüberstand, etwas Unverständliches vor sich hin salbaderte, als habe er nicht ihn als seinen Gesprächspartner gemeint, sondern einen anderen. Als adäquat sozialisierter Mensch antwortete er ihm vielleicht sogar. Der andere wiederum hatte sich unterdessen längst umgedreht und wandte sich sogleich dem ihm am Nächsten Stehenden zu, der ihn eigentlich auch nur etwas hatte fragen wollen. Eine kleine Banalität, mit Sicherheit handelte es sich hierbei um nichts anderes als um eine ebenso unwichtige wie besser verschwiegen gebliebene Banalität. Verschluckt er sich daran? Immerhin hustete er sich bei dieser Gelegenheit ein paar weitere Nichtigkeiten aus dem Leib.

Dann wiederum sah er, den ich meine, sich um, suchte nach einem, der ihm eine seiner momentan dringlichsten Fragen zu beantworten imstande hätte sein können. Die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Zusammenkunft, zum Beispiel. Warum sind wir hier, in Gottes oder von mir aus auch in der Dreifaltigkeit Namen. Welches Ereignis hat uns hier, in diesem stinkenden Sammelbecken von Anzugträgern, die sich im normalen Alltag mit hoher Wahrscheinlichkeit nie begegnet wären, zusammengepfercht? Zumindest doch bitteschön nicht in dieser enervierenden Unausweichlichkeit!

III.

Längst war die Anzahl der im Stummen erstarrten Fragesteller angewachsen, die Wände des Versammlungsraums hatten sich zusehends, weitgehend unbemerkt, geweitet. Bald knackte es in allen Fugen. Einstmals durch solide Handwerkskunst errichtete Mauern brachen auseinander, ließen sich fallen, als hingen sie an Zugseilen, rissen die unter Denkmalschutz stehende Saaldecke mit sich, wobei die einzelnen Ornamente noch schneller zerbröselten als der Putz, kippten schließlich vollends um und zerschellten auf planem Beton.

IV.

Über den Leibern der im Falle Auseinanderstrebenden mäandert sirrend eine Fliege.


©bio.4.17

 

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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany