Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Start Prosa Frau von Flucht träumend - Bildbeschreibung nach Joan Miró

Frau von Flucht träumend - Bildbeschreibung nach Joan Miró

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Und doch war nichts zu sehen zu spüren als nur das Blut, das da einen kleinen See zu bilden begann an genau der Stelle, die sie im Halbdunkel abzutasten suchte. Das Blut tropfte, von ihr vorerst unbemerkt, aus einer kleinen Wunde in der Stirn, bildete später auf  farblosem Linoleum einen kaum wahrnehmbaren braunkrustigen Fleck, der, sah man dann etwas genauer hin bei besserer Beleuchtung, den Umriss des nun nie mehr Auffindbaren nachzeichnete, dessen vermeintliches Todesgezwitscher sie so sehr in Unruhe versetzt hatte  an jenem Morgen, als

Selbst dann noch, als sie wieder bei sich zu sein glaubte, nachdem  sie mit einer ihr sonst wenig eigenen Gründlichkeit den Raum abgesucht hatte nach jenem kleinen Wesen, das sich in ihren eigensten Lebensraum verflogen haben musste, und sie es zu ihrer Erleichterung, ihrem Verwundern nicht hatte finden können, so dass sie nun also davon ausgehen musste, es habe den Weg in die Freiheit rechtzeitig und ohne verletzende Hindernisse finden können, blieb eine Spur von Benommenheit zurück.

Die Wunde, die sie sich auf der Suche nach dem Unfindbaren zugezogen hatte, diese winzige äußerliche Wunde heilte rasch. Nicht so jedoch jener erheblich tiefer liegende Schmerz, der im Grund nie hatte abheilen können und es aller Wahrscheinlichkeit nach auch nie können würde,
solange nicht

Manchmal, wenn sie in der darauf folgenden Zeit mitten aus einer dieser stets endlos währenden Nächte aufschreckte, sah sie das Bild unruhig an ihren Augen vorbeiflimmern, wieder und wieder, spürte sie schmerzhaft fast den heftigen kleinen Flügelschlag, das zuckende Federflattern ihren Brustkorb dehnen, bis es ihr den Atem nahm. Ein einziges Verzweiflungsgezwitscher verschlang jede noch mögliche Sinneswahrnehmung.
Tränenüberströmt hob sie dann den zentnerschweren Kopf und stellte zu ihrem maßlosen Erstaunen fest, dass das Kissen nicht blutbenetzt war, nicht sein konnte,
denn

Und im Laufe des jeweils folgenden Tages vergaß sie diese Wachträume nahezu vollständig. Nur hin und wieder, sie mochte grad tief in ihr Tagwerk versunken sein oder aber sie hatte sich unter Umständen sogar auf eine vergnügliche Zerstreuung eingelassen, hörte sie dies Zwitschern, dies vage und zugleich unwirkliche Getön, das dann, als fühle es sich insgeheim bei Unerlaubtem ertappt, sogleich in den Bereich der Phantastereien, der Halluzinationen sich verdrängen ließ:
Ein winzig klägliches Geschrei, dies unwesentliche und doch gerade noch wahrnehmbare hämmernde kleine Staccato, schrill und sanft zugleich, mögliches Indiz grellen Lebens, stummen Todes.
Oder aber – und  diese Betrachtungsweise fügte sich zuweilen an die bisher einbezogenen – oder  aber eventuell sogar noch
un-gekannter
un-endlicher
un-verletzlicher
Freiheit.

Dann, nur dann, war es ihr, als habe sie es deutlich, ganz deutlich gehört, als gäbe es auf dieser Welt keine Täuschung der Sinne.
Dann, nur dann schmerzte diese kleine, längst vernarbte Wunde auf ihrer Stirn aufs Neue.
Und sie wunderte sich jedes Mal wieder, da sie spürte, dass sie die wahre Ursache, den Sinn auch dieses Schmerzes nie  würde ergründen, nie würde verstehen
es sei denn...

 

©birgit ohlsen, 1995

Aufgenommen in die Kurzgeschichtensammlung: "Das Taubstummenhaus", Schweinfurt, 2004

 

 
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Hütten

  •  Alle Bilder © bio,  2011
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ISBN: 9783897737266


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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany