Friede den Hütten! ...

Georg Büchner 1813 - 1837

 
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Fragment vom begriffsstutzigen Kind

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FRAGment vom begriffsstutzigen Kind

 

 

Es ist nicht überliefert, ob sie tatsächlich vorhatten, dem Führer ein Kind zu schenken.

Als das Kind geboren wurde im Jahre 999, war der Erzeuger bereits gefallen.

Auf dem Felde der Ehre?

Geopfert für Führer und Vaterland?

Als Held?

 

Zum Zeitpunkt der Befreiung-Kapitulation-oder-wie-immer-auch, als die Stunde Null das Jahr 1000 ablöste, lernte das Kind gerade, aufrecht zu sitzen.

Auch begann es, allmählich zu be-greifen.

So begriff es nach und nach den Unterschied zwischen

HUNGRIG und SATT

HART und WEICH

DUNKEL und HELL

WEINEN und auch LACHEN – zu gegebener Zeit.

 

Als es größer wurde, wollte man es auch begreifen machen den Unterschied zwischen

LÜGE und WAHRHEIT

BÖS und GUT

OST und WEST.

 

Doch es konnte nicht verstehen. Noch nicht verstehen, nicht be-greifen, wie sie, die die Macht hatten, die Welt einteilten.

Unter sich aufteilten.

 

Als es schließlich, im Jahre 5 danach,

das SATT

das WEICH

das HELL

das Lachen verlassen sollte, wollten die, die es fortführten in ein gelobtes Land, es glauben machen, es ließe hinter sich in Wahrheit

das HUNGRIG

das HART

das DUNKEL

das WEINEN.

Dies sei die Wahrheit, die einzige Wahrheit, wollte man ihm weismachen.

Doch das Kind verstand dies nicht.

Es verstand auch nicht, warum der, von dem gesagt wurde, er töte Kinder und schände Frauen, ihm zulächelte, als sie flüchtend rennen mußten um ihr Leben

Von BÖS nach GUT

Von OST nach WEST.

 

Nun wohnte in einem Land, in dem Soldaten mit Gewehren über der Schulter nicht mehr RUSSEN hießen , sondern Franzosen. Sie hatten die Namen getauscht, begriff das Kind.

Aber die, die informiert waren, wußten es besser:

FRANZOSEN sind gut – brachten sie dem Kind bei.

RUSSEN sind schlecht – hatten sie es zuvor gelehrt.

Das Kind wollte diesen Unterschied nicht begreifen.

Es sah bei den Aufmärschen der Soldaten durch die Stadt die gleichen Gewehre wie bei denjenigen, die es bereits kannte, den RUSSEN.

 

Warum sollten die einen gefährlich sein und die anderen nicht?

Sie unterschieden sich in nichts voneinander, empfand das Kind.

 

In dem Ort, in dem es nun wohnte im GUTEN WESTEN gabe es Kinder, mit denen es spielen durfte und solche, mit denen das Spielen verboten war.

Zu den ERLAUBTEN gehörten die Kinder des Arztes, des Apothekers, des Pastors. Zu den VERBOTENEN diejenigen der Näherin, der Verkäuferin, der Dienstmagd.

Besatzungskinder! Sagten die, die über das Wohl des Kindes zu wachen hatten. Besatzungskinder - mit denen spielt man nicht!

Das Kind verstand es nicht und spielte mit den Kindern der Näherin, der Verkäuferin, der Dienstmagd. Gemeinsam spielten sie in den Trümmern, von denen es zahlreiche gab an jenem Ort. Trümmer, in denen zu spielen ebenso verboten war wie das Spielen mit den Besatzungskindern.

In den Trümmern, flüsterten die Kinder sich zu hinter vorgehaltener Hand, liegen Knochen von Verschütteten.

Also spielten die Kinder: Knochensuchen.

Doch die, die über alles wachten, entsetzten sich und verboten derartige Spiele.

Das Kind verstand es nicht.

 

Im achten Jahr danach lernte das Kind ein Lied in der Schule, das nannten sie das Deutschlandlied.

Es lernte drei Strophen eines Liedes mit einer eindrucksvollen, klangschönen Melodie. Der Lehrer begleitete die singenden Kinder auf dem Klavier. Als sie alle drei Strophen auswendig

singen konnten, wurden sie belehrt, nun dürften sie leider nur noch die dritte Strophe des schönen Liedes singen.

LEIDER.

Auch dies verstand das Kind nicht.

 

Es blieb weiterhin staunend am Straßenrand stehen, wenn die Soldaten durch die Stadt marscheirten, hörte junge Mädchen und Frauen fröhlich singen:

Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren ...

Und verstand doch immer noch nicht, warum gewehrtragende Menschen in diesem Land FREUDE und SINGEN auslösten und FURCHT und SCHRECKEN in jenem, aus dem es gekommen war.

Das kannst du auch nicht verstehen,

sagten die,

die den ÜBERBLICK hatten.

 

 

Zu dem Zeitpunkt aber, als das 11. Jahr danach das 10. ablöste – es war Mai und die Sonne schien – feierten die, die ALLES WUSSTEN, ein besonderes Ereignis.

Dem Kind, das so gern begreifen wollte, erklärten sie:

Von nun an sind die, die bisher BESATZER waren, unsere GÄSTE.

Verstehst du, unsere FREUNDE.

Und die ANDEREN, wagte das Kind zu fragen, sind auch sie FREUNDE?

 

Nun, entgegneten die, die sich abgefunden hatten,

JENE bleiben FEINDE.

 

Das Kind verstand es nicht.

Es verstand nun überhaupt nichts mehr.

Die Menschen und auch die Soldaten, ob sie RUSSEN hießen oder FRANZOSEN, hatten doch alle Gesichter, die sich glichen:

HART und WEICH

DUNKEL und HELL

BÖS und GUT

WEINEND und auch LACHEND – zu gegebener Zeit.

Das Kind erkannte keinen Unterschied.

 

Und da es noch immer nicht verstehen konnte, begannen die, die mit seiner Erziehung beauftragt waren, an seinem guten Willen zu zweifeln und schließlich gar an seinem Verstand.

ES VERSTEHT DIE WELT NICHT –

tuschelten die, die sie zu verstehen vorgaben.

ES IST UNVERBESSERLICH –

bestätigten sie sich gegenseitig.

Und sie blickten sich dabei VERSTÄNDNISvoll an.

©Birgit Ohlsen

 

 
Huette017.jpg

Hütten

  •  Alle Bilder © bio,  2011
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ISBN: 9783897737266


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Birgit Ohlsen und Günter Opitz-Ohlsen Autoren bei friededenhuetten.de Grabbeallee 24 13156 Berlin, Germany