Ines Gerstmann: Letterling

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Das Glück, bei einer Lesung in relativ kleinem Kreis von einem Verlag entdeckt zu werden, ist ein äußerst seltenes. Ines Gerstmann hatte dies Glück, es war ihr sowieso zu wünschen. Der Titel „Letterling“ dieses schön gemachten Büchleins weckt zunächst einmal buchdrucktechnische Assoziationen. Denkt man sich hingegen den einleitenden Konsonanten weg und ersetzt ihn durch vier neue, so kommt man bald auf das Leitthema dieses kleinen Romans: Schmetterlinge in unterschiedlichen Seinsformen, von der Raupe bis zu metaphorisch erweiterten Trägern geheimer Botschaften, mit akribisch winziger Schrift auf die Flügel aufgetragen. Wohin aber wird der Ostwind diese „Letterlinge“ tragen? Der künstlerische Schöpfer dieser kleinen Wesen verinnerlicht in einem Akt der Verzweiflung die Idee vom Freiflug auf seine persönliche Weise; die über Grenzen geschmuggelte Konterbande jedoch findet ihre Adressaten. Zu spät, könnte man meinen, denn die Veröffentlichung der geheimen Botschaften trifft sich zeitlich mit dem Tag des Mauerfalls und verliert somit vorerst an Brisanz.

Nicht nur von Schmetterlingen an sich handelt dieser kleine Roman – sieht man einmal von der häufigen Verwendung dieser Symbolik ab. Eine weitgehend heile, geborgene Familienkonstellation, ein ländliches Refugium, in dem Großeltern mit Wärme und naturkundlichem Wissen auf das Kind und seine Freunde warten. Das Mädchen „Kim“, hinter der man die Verfasserin vermuten möchte, äußert sich bereits als Kind mit anderen Worten als seine Umgebung. Fantasievollere Umschreibungen sind dies, „seltsame“ Formulierungen in den Augen der Anderssprechenden. Aufpassen solle sie, wird ihr geraten. Konformität ist gefragt aus Furcht vor der Obrigkeit. Nichts anderes als die früh keimende dichterische Begabung der Ines Gerstmann wird hier kenntlich, aus der mit Sprache spielenden Puppe ist längst ein dichtender Schmetterling geschlüpft.

Man sollte sich Zeit für die Lektüre dieses kleinen Episodenromans nehmen, immer wieder zurückblättern, die sprachlich besonders schönen Stellen zwei- oder dreimal lesen. So habe ich es gemacht. Ich hätte auch ein Vergrößerungsglas zur Hand nehmen und mich damit über die Flügel dieses wundersamen kleinen Insekts beugen können. Empfehlen möchte ich aber lieber die Lektüre dieses kleinen Buches mit dem von Ines Gerstmann mitgestalteten Cover. Dem „Letterling“ und seiner Verfasserin wünsche ich recht viele sprachsensible LeserInnen.

 

 

Ines Gerstmann, Letterling. Verlag für Kurzes. Berlin 2011

 

© BiO, Juni 2011