Überlegungen zum Jahrestag der Bücherverbrennung

Mit runden Jubiläen habe ich ganz generell meine Probleme. Als wäre es gestern erst gewesen, ist mir der 50. Jahrestag der Bücherverbrennung in Erinnerung. In der Schreibwerkstatt, die ich damals besuchte, war das Thema ebenfalls angesagt. Und alle schrieben. Irgendwas. Die meisten von uns waren unpolitisch. Manche waren jung, die Älteren hatten sich überwiegend auf einfache Naturlyrik spezialisiert. Und diejenigen, bei denen das politische Bewusstsein über ein paar Grundkenntnisse oder auch Aktivitäten hinausgewachsen war, schrieben damals angesagte Friedensgedichte und Appelle gegen Atom-Zwischenlager. In einem kollektiven revolutionären Akt verließen sie bald darauf die Themen diktierende Werkstatt und wandten sich wieder der gelebten Praxis zu. Ich selbst nahm ein Studium auf und näherte mich recht bald schon auf einer anderen Ebene dem Thema „Verbrannte Dichter“.


Was liegt näher, als auf der Suche nach Material zu einem wiederum anstehenden runden Jahrestag, dem 70. inzwischen, nach passenden Informationsquellen zuerst einmal an den eigenen Bücherschrank zu gehen. Zusätzlich suchte ich im Internet nach passenden Aufsätzen, die über mein Germanistikstudium hinausgingen bzw. diesem zeitlich folgten. Dann stieß ich per Zufall in der Frankfurter Rundschau vom 14. März dieses Jahres auf einen Bericht über die Lyrikerin Hilde Domin. Es handelte sich um eine Schul-Lesung, die die Dichterin in der Nähe meines derzeitigen Wohnorts gehalten haben muss. Der Artikel selbst überraschte nicht – Ähnliches ist über Die Dichterin mit Sicherheit tausendfach zu lesen. Kein Ort, keine Institution in dem bzw. in der ich in den vergangenen Jahren nicht ihrem Konterfei mit Leseankündigung begegnet wäre. Wichtig allein erschien mir beim Lesen der Zeitungsnotiz der kühne Satz:

„Sie wusste schon damals, dass man ‚in späteren Zeiten von uns reden wird. Unser Staub wird nie mehr Erde’ “.

Diese Zeilen ließen zunächst eine Zugehörigkeit zu den Verbrannten, den später Exilierten vermuten. Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich in einem anderen, einige Jahre zuvor gegebenen Interview auf die bedeutungsschwangeren Worte: „Man nannte mich eine Kassandra“ .
Ganz nah dran wähnte ich mich schließlich, als ich auf ein „Selbstmord(wunsch)gedicht“ aus ihrer Feder stieß:

„Das Seil/ nach Häftlingsart aus Bettüchern geknüpft/ die Bettücher/ auf denen ich geweint habe/ ich winde es um mich/ Taucherseil/ um meinen Leib/ ich springe ab (…“)

In der kulturpolitischen Zeitschrift "Freitag" vom Dezember 1999 wird Hilde Domin als "Dichterin der Rückkehr" bezeichnet. Befand ich mich etwa auf der falschen Spur? Kaum eine oder einer der Verfemten kehrte nach dem Krieg nach Westdeutschland zurück. Falls sie überlebten, so blieben sie entweder im Exil oder wählten die ihnen menschlicher erscheinende DDR als Ort des weiteren Wirkens.
Also verlasse ich die Vita der Domin, steige aus ihrem Leben aus, denn es gehört offensichtlich nicht in mein Thema. Dennoch befinde ich mich mittendrin. Das „Seil“ hat mich  auf Umwegen hingeführt.
Es erinnert in fataler Weise an diejenigen der tatsächlich „Verbrannten“, bei denen die Zerstörung der Schriften wegen „undeutschen“ Inhalts ihre nachhaltige Wirkung nicht verfehlte: Sie überlebten die Tat selbst nur wenige Jahre. Viele kamen in Vernichtungslagern um, andere überlebten die Strapazen des Exils nicht. Nicht wenige von ihnen brachten sich selbst um. Stellvertretend sei der expressionistische Dichter Ernst Toller (1883-1939) erwähnt, der sich wenige Tage nach dem Sieg Francos in seinem New Yorker Hotelzimmer erhängte.

Die Anzahl derjenigen Schriftsteller und/oder Intellektuellen, bei denen die aufgebrachte und aufgehetzte Studentenschaft anno 1933 ganze Arbeit geleistet zu haben scheint, ist zu groß, um sie hier einzeln zu erwähnen und ihrer somit gebührend zu gedenken. Außerdem ist davon auszugehen, dass das Thema insgesamt sowie auch im Einzelnen erschöpfend abgehandelt wurde und auch wieder abgehandelt wird, alle 10 Jahre wieder. Danach wird das Erinnerungskästchen zugemacht und in regelmäßiger Folge wieder aufgemacht. Ein paar Examensarbeiten mögen noch hinzukommen, nicht zu vergessen die Produkte der Schreibwerkstätten, landauf und landab. Viele dieser Arbeiten und Traktätchen werden mit dem Heine-Zitat aus Almansor („Dort, wo man Menschen...“) beginnen, einige gewiss auch mit dem berühmt gewordenen Zitat des Oskar Maria Graf (1894-1967) „Verbrennt mich“ mit dem er in der „Wiener Arbeiterzeitung“ auf die vermeintliche Ungerechtigkeit aufmerksam machen wollte, bei den Bücherverbrennungen nicht berücksichtigt worden zu sein. Mancher Verfasser wird entdeckt haben, dass Graf seine Verbrennung schließlich doch noch nachgeliefert bekam, und zwar 6 Wochen später durch die Münchner Studentenschaft.

Ich nehme mir noch einmal die gewaltige (oder sollte ich an dieser Stelle sagen: gewagte?) Aussage der Domin vor, sie habe „schon damals gewusst, dass man in späteren Zeiten von uns reden“ würde.

Ein Blick in ihre Lebensgeschichte besagt, dass sie zwar jüdischen Glaubens war, aber in keiner Phase ihres Lebens in tatsächlicher existenzieller Not. Gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann wanderte sie bereits 1932 nach Italien aus, später über England nach Santo Domingo. Hier unterstützte sie weitgehend ihren Mann, der eine Professur in Kunstgeschichte innehatte. Von 1948 an arbeitet sie als Sprachlehrerin und Übersetzerin. Erst 1951, als ihre Mutter stirbt und die Domin (damals noch Palm ) bereits 41 Jahre alt ist, fängt sie „aus dem Leid heraus ihr neues Leben an: sie tritt aus dem Schatten des Partners und dichtet“.
Es ist nicht zu übersehen, dass sie seit nunmehr über 50 Jahren keine Mühe scheut, sich in das Gedächtnis der Literaturgeschichte einzuprägen und so für immer unvergessen zu bleiben.
Dies ist wohl der gravierendste Unterschied zu denen, deren Bücher an jenem 10. Mai 1933 (bzw. 6 Wochen danach!) vernichtet wurden: Jene hatten nicht die Chance, diese Omnipräsenz derart hartnäckig zu betreiben. Wenn sie es denn gewollt hätten.

Bevor ich diese persönlichen Überlegungen zum anstehenden Jahrestag und zu Jubiläen generell zum Abschluss bringe, erlaube ich mir, eine kleine Anekdote anzufügen:

Knapp zwei Jahre ist es her, als ich morgens, noch im Badezimmer, nach der Shampoo-Flasche griff. Man wird mir glauben, dass ich dabei an alles andere dachte als an Poesie. Es handelte sich um eine mir unbekannte Marke, und ich drehte die Flasche um, um die Inhaltsstoffe zu studieren. Als ich die Inschrift las, schwankte ich zwischen Belustigung und Entzücken: In grüner Schrift auf weißem Untergrund waren zwei kleine Gedichte von Hilde Domin aufgedruckt, die sich inhaltlich, passend zum Parfüm der Seife, mit den „Schwaden von Lindenblüten“ und „sonnigem Heu“ befassten.
Zugegeben: Es fiel mir nicht leicht, nach einigen weiteren Haarwasch-Gängen die leere Flasche dem Müll zu überantworten. Das hatte ich bisher noch nie gebracht: Literatur, die nicht meine eigene war, zu vernichten. Ich hatte leichte Skrupel und erwog zunächst, die Flasche zu archivieren. Dann aber beruhigte ich mein ökologisches Gewissen damit, dass ich sie, fein säuberlich gereinigt, dem Kunststoff-Recycling zuführte.

Später stellte ich mir vor, die bedichtete Shampoo-Flasche würde nach dem Schreddern wieder verwendet: Als Parkbank zum Beispiel. Und auf diese Bank würde sich eines Tages möglicherweise ein junger Lyriker setzen, dem ein neues Gedicht einfiele, gesponnen aus dem Duft von Lindenblütenshampoo.



© bio. Veröffentlicht in "Feuergeheuer", funthology 3. Hrsg. Karl-Heinz Schreiber, Goldbach 2003