Nicht weit von meinem Wohnhaus entfernt fand ich einmal eine Armbanduhr. Ich bückte mich, hob sie auf und betrachtete sie von allen Seiten. Sie schien reichlich abgenutzt zu sein, dazu war das Leder gerissen und die Zeiger standen still.Und da sich der Fundort in unmittelbarer Nähe eines Abfallbehälters befunden hatte, nahm ich an, jemand habe sich des unansehnlichen Stücks entledigt. Ich nahm es kurzerhand in meinen Besitz,steckte es wie beiläufig in meine Jackentasche und vergaß es zunächst darin. Als ich mich seiner an einem der folgenden Tage wieder erinnerte, ließ ich es auf dem Weg zur Arbeit beim Uhrmacher richten. Erst, als sich erwiesen hatte, dass das Uhrwerk an sich in Ordnung war, ließ ich das abgenutzte Lederarmband durch eines nach meinem Geschmack ersetzen. Gleich nach Verlassen des Geschäfts band ich die Armbanduhr um mein linkes Handgelenk und trug sie fortan, als hätte ich nie eine andere besessen.

 Es dauerte nur wenige Tage, bis mir auffiel, dass sich etwas in meinem Leben geändert haben musste. Noch wusste ich diese Veränderungen nicht mit meiner neuen Uhr in Zusammenhang zu bringen. Zunächst fiel es wohl anderen auf, denn es hatte bislang keineswegs meiner Art entsprochen, zu früh zu einer privaten Verabredung zu erscheinen oder gar zu einem geschäftlichen Termin. Auch gewann ich den Eindruck, man munkelte in meiner Umgebung bereits, aus welchem Grunde ich mich zuweilen bereits vor Beginn eines Empfangs neben den angerichteten Canapés aufhielte. Auch der Fahrplan des Busses, mit dem ich wochentags zur Arbeit fahre, schien sich verschoben zu haben. Es werden wieder einmal Bauarbeiten auf der Strecke sein, dachte ich, als mir dies zum ersten Mal widerfuhr, und ich übte mich in Geduld. Anfangs überbrückte ich die Wartezeit mit meiner aktuellen Lektüre, später gewöhnte ich mir an, einen Stift und ein Notizbuch bei mir zu tragen. Und las ich nicht oder schrieb ich nicht, so inspizierte ich die Rhododendronhecke am Straßenrand auf der Suche nach neuen Knospen, oder ich unterhielt mich mit den Spatzen, die gleich daneben in einer Holunderhecke ihr Saisonquartier bezogen hatten. Dennoch erreichte ich tagtäglich zur gewohnten Zeit und ohne jede Verspätung meine Arbeitsstelle, war ausgeruht und bei bester Laune. Es war eine schöne Zeit, die nun angebrochen war, ich fühlte mich freier und zufriedener als je zuvor,//konnte ich mich doch darauf verlassen, dass der große Zeiger meiner Armbanduhr nie mehr als sieben Minuten vorging.

 Wie es die Art von zufriedenen oder gar glücklichen Episoden ist, so endete auch diese eines Tages abrupt. Um es kurz zu machen: Ich verlor die Uhr und konnte, als ich den Verlust bemerkte, nicht mehr nachvollziehen, wo sie mir vom Handgelenk gerutscht sein könnte.Auch in der Folgezeit suchte ich sie vergebens. Ich ging so weit, dass ich handgeschriebene Suchanzeigen an Ampel- und Laternenmasten befestigte.

 Eine Lücke ist in meinem Leben entstanden. Ein Verlust, den auszugleichen ein schier unmögliches Unterfangen zu sein scheint. Noch immer befrage ich Menschen, denen ich begegne, ob sie nicht eine Uhr gefunden hätten, die exakt sieben Minuten vorgeht. Sie sehen mich ein wenig verständnislos an, manche wollen behilflich sein. Kaputte Uhren werden mir angeboten, besonders wertvolle Uhren ohne Zifferblatt, die dennoch leise ticken. Doch keine dieser Uhren kann mir gefallen.

 Ich gehe nun ohne Uhr aus dem Haus. Es stört mich nicht, wenn mir der Bus vor der Nase wegfährt oder wenn er gar eine halbe Stunde Verspätung hat. Ich trage die 7 Minuten tief in mir verborgen – egal, wie lange sie in Wirklichkeit dauern. 7 Minuten, die dem Beobachten, dem Lauschen, dem Ersinnen von Geschichten gehören.

 

Dass ich meine Uhr nicht wiederfinden werde, ahne ich. Solltest du sie aber einmal finden, so hüte sie gut.