Als das Kind aufwacht, reibt es sich erstaunt die Augen. Alles rundherum erscheint so fremd. Da ist ein eng mit Möbeln zugestellter rechteckiger Raum, da ist eine hohe weiße Zimmerdecke, durch deren eine Ecke sich ein schwarzer Riss schlängelt, um schließlich an eben der Stelle im Gemäuer zu verschwinden, an der sich die Linien schneiden. Da sind die Wände bekleidet mit kaum als solches wahrnehmbarem zartgrünem Blättermuster, vielleicht ist`s ja auch etwas anderes, so genau kann das Kind es in der Morgendämmerung nicht erkennen oder ist`s schon Abend. Das Kind rollt sich aus dem Bett, stakst barfüßig und auf Zehenspitzen zur Tür, streckt sich ein wenig, um die knapp über seinem Kopf schwebende Türklinke zu erreichen, drückt diese schließlich mit den Fingerspitzen der rechten Hand nach unten, so dass sich die Tür einen Spalt breit öffnen lässt und zwängt sich behende hindurch. Sogleich tastet es nach dem Kopf. Sitzt das Tarnkäppchen? Ach ja, es hat sich nicht einmal verschoben - und reibt sich als nächstes flüchtig die letzten Sandkörnchen aus den Augenwinkeln. Füßchen vor Füßchen, leis und sacht und unsichtbar beginnt es dann, die Fremde zu erkunden. Ein paar Schritte tapst es einen dunklen Gang entlang, von dem es weder weiß, wie lange er ist, noch ob ihn jemals das Tageslicht wird erreichen können, noch ob es andere Türen gibt, die sich zu anderen Räumen öffnen lassen werden. Blind tastet es sich an Mauerreliefs entlang, gewöhnt die Augen allmählich an mildgrau verschleierte Farben, nimmt dann erst Konturen wahr, entdeckt schließlich eine weitere Tür, die gar einen kaum erkennbar schmalen lichten Schimmer weit geöffnet ist. Drückt sein ganzes kleines Gewicht dagegen, um hineinzugelangen, neugierig, wie es nun einmal ist. Kaum hat das Kind ein vorwitziges Füßchen hineingesetzt ins geräumige Duster, da erschrickt es, denn ein gewaltig hohldumpfes Krächzen und Rumoren und Pfeifen - alles in einem und das ist komisch und erschreckend zugleich - pingpongt von einer unsichtbaren Wand zur andern und wieder zurück.

Die Hexe, ja, die Hexe ist's, die dies Reich bewohnt - und im selben Moment, da dies dem Kind in den Sinn kommt, schlüpft es auch schon behende rückwärts in den Flur, und der ist mit einem Mal in ein sanftes, ein werdendes Gelb getaucht und hat den Schleier von den Wänden fallen lassen.

 

Morgens früh um sechs

kommt die alte Hex

 

und „schu-hu-hu!“ macht die Eule und „ksch-ksch-ksch!“ faucht der schwarzgebuckelte Kater mit den feuersprühenden Augen auf ihrer kantigen, ein wenig hochgezogenen Schulter. Oder - ist's gar die Hexe selbst?

Hexhex!“ zischt die Alte mit dem langen schwarzen Kaftan und dem bernsteinbraunen Turban, unter dem hier und da vereinzelt zipfelig silberne Strähnen hervor lugen und blitzartig schießen unter der gewaltigen Spitzenstola, die ihre knochigen, knotigen Finger zuvor verborgen haben, zwei zum Vau gespreizte Stöckchen hervor, die erst kurz vor den in Starre verzauberten geöffneten Augen des Kindes zum Stillstand kommen.

Morgens früh um sieben

kocht sie ihre Rüben

 

und dazu schlurft sie fast lautlos und ohne anzustoßen den langen Flur entlang, um schließlich mit ihrem Krückstock die nur angelehnte Küchentür aufzustoßen. Steht ein Hänsel im Weg oder ist's eine Gretel? So genau kann sie nicht mehr gucken. Also schubst sie das Kind mit einem erstaunlich zielsicheren Stoß aus dem Weg oder aber, bekommt sie einen Arm oder ein Fingerlein gar zu fassen, ein noch immer viel zu mageres Fingerlein, so zwickt sie, so kneift sie, so pfetzt sie ins dünn befleischte Hölzlein und hat im nächsten Augenblick auch schon die Küche erreicht, wo sie nun ja ihre Rüben kocht.

Morgens früh um acht

wird der Kaffee gemacht

 

Einmal hat das Kind die Hexe gesehn in ihrer Höhle, und dies eine Mal hat ihm fast die Angst genommen. Es war bereits hell im Haus gewesen, das Kind war allein wie so manches andre Mal. Da ist das Kind einmal einfach, als sei gar nichts dabei, in das Zimmer der Frau Urgroßmama hineingeschlüpft, und da hat es die Alte vorgefunden, wie eine ganz normale alte Dame im Sessel sitzend, den geflügelten Spiegel vor sich auf dem Nähtischchen aufgebaut, und trotz des schummrigen Lichteinfalls schien es der Halbblinden zu gelingen, sich behutsam und mit einer nicht zu vermutenden Akribie den Kinnbart auszuziepen, Härchen für Härchen. Dies tat sie recht geschickt, indem sie mit Zeigefinger und Daumen der linken Hand jeweils ein Haar festhielt, während die feine Nagelschere in ihrer Rechten dicht am Bartansatz zuzwickte und es mit einem kaum wahrnehmbaren schnipp! abtrennte. Als sie schließlich das vor Staunen und auch vor Bewunderung erstummte Kind auf der Schwelle zu ihrer weniger nach schlecht gekochtem Kaffee als vielmehr nach Kräuterschnaps riechenden Klause entdeckt hat, da hat sie zuerst ein wenig gebrummt, obwohl sie nun ja keinen Bart mehr gehabt hat, und, als sie schließlich hat einsehen müssen, dass dies das Kind keineswegs verscheucht hat, da hat sie ihre Morgentoilette ungerührt fortgesetzt.

 

 

©Birgit Ohlsen

 

 

 

(nachzulesen in: B.O., Das Taubstummenhaus. Schweinfurt 2004)