I.

Ein Bub hätte es sein sollen. Erst das Mädchen, da war die Freude groß. Dann der letzte Fronturlaub. Danach blieb die Feldpost aus. Da hatte sich das Bäuchlein bereits stattlich gerundet. Wenn doch wenigstens ein Stammhalter diesmal. Den wünschte er sich doch so sehr. Ihr ist es egal. Wäre es nach ihr gegangen, hätte es gar nicht passieren dürfen.

Und dann ist es da, das Kind. Und wieder fehlt das entscheidende Detail. Die Hebamme sagt zwar: gesund und bildschön. Aber das sagt sie immer und damit ist noch längst nicht das Problem gelöst Keiner mehr da, der die junge Mutter tröstet. Der ist ja nicht zurückgekehrt. Und die Aussicht, er befinde sich ja in Gefangenschaft möglicherweise, es sei also letztendlich noch nicht alles Pulver verschossen, warum denn gleich die Flinte ins Korn werfen ... Aber aber, junge Frau.

 

Rosa für Mädchen, blau für Jungen. Das wäre eine Möglichkeit. Dann ist es einfach so. Das Zweitgeborene trägt in erster Linie einmal die Kleidung der Erstgeborenen auf, soviel steht fest. An Feiertagen aber wird es fein. Rosa für die Große, hellblau für das Kleine.

 

Die Jahre sind ins Land gezogen und noch längst sind die Zeiten sind nicht danach, neue Dinge zu kaufen. Der fünfte Geburtstag des Knabenmädchens nähert sich bedrohlich. Das Auto aus dem Westpaket. Kostbar und heiß geliebt. Mit Schwungradantrieb. Knallrot. Und schnell kaputt. Und die Kratzer auf kostbarem Parkett.

Die Puppe der großen Schwester. Vom Dachboden. Mit Zelluloidkopf. Und wenn man sie schüttelt, quäkt sie: Mama. Kostbar und heiß geliebt. Und wenn man sie auf den Küchenboden knallt, dann sagt sie gar nichts mehr und die Nase ist ab. Gebüßt wird im dunklen Kämmerchen unter der Treppe. Mucksmäuschenstille. Und all die Gespenster und die wilden Hunde mit den Augen so groß wie Mühlräder.

Der Gang zum Friseur. Runter mit der Tolle. Braver Junge, wie heißt du denn? Das Spielhöschen, mühsam mit der Hand genäht und die Knöpfe im Schritt. Im Care-Paket die erste Zahnbürste, die erste eigene Puppe. Ein Ungetüm aus gelben Wollknäueln mit Augen aus Pappe. Sind aufgeklebt und gucken blöd. Blöde Puppe, mag ich nicht!

Undankbares Kind!

 

Die Zeiten sind schlimmer geworden und der Russe ist noch immer da. Er frisst kleine Kinder und deshalb muss die Mutter zur Großmutter in den Westen. Und die Kinder gleich mit.

Die Großmutter ist gar nicht so übel, und im Westen sprechen die Russen französisch und fressen Schnecken.

 

Zum siebten Geburtstag die erste richtige Puppe. Monika. Niemand darf Monika anfassen. Monika mag nicht Mama sagen. Aber Monika hört zu. Monika behält jedes Geheimnis für sich. Weiß ganz genau, wie traurig ihre Puppenmutter oft ist und auch wie fröhlich ab und zu. Auch Monika hat keinen Vater, der sie auf den Schultern trägt und mit ihr übermütig davon galoppiert. Leider ist Monika zu dumm, laufen zu lernen. Immer und immer wieder müht sich das Kind ab, zeigt mit großer Geduld ihrer Zelluloidtochter, wie man das macht. Ist fassungslos, als Monika noch immer nicht begreift.

Ungeschicktes Ding auch! Eines Tages sind die Beine ab. Aha!

 

Zum nächsten Geburtstag dann die neuen Beine. Mit einem Knöpfchen auf dem rechten Oberschenkel und einem Knöpfchen auf dem linken Oberschenkel. Arme Monika. Nun hast du nicht nur keinen Papa, nun wirst du auch nie mehr laufen lernen.

 

Das richtige Leben hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Längst hat der Ernst des Lebens seine dunkelsten Seiten gezeigt. Und immer wieder das Lied vom Hafersack im Kopf. Und wenn du dann noch schreist /Ach bitte, lass mich raus!/ Dann bind ich ihn noch fester zu/ und setz mich obendrauf.

 

Und so ist das Kind zehn Jahre alt geworden. Immerhin. Was wäre, wenn es nicht die Großmutter gegeben hätte. Und Monika.

 

Ein Schulkind spielt nicht mit Puppen. Und eines Tages ist Monika nicht mehr da. Große Trauer, langes vergebliches Suchen. Dann sind da die Bücher, die Flügel machen. Doch immer wieder die Frage an die Mutter, wo ist Monika?

Wer ist Monika? Die Mutter zuckt die Achseln und wendet sich anderen Dingen zu. Wichtige Dinge sind das.

Lernen sollst du. Brav sein. Mir keine Schande machen.

 

II.

Ein Stückchen Stoff aus dem Nähkasten der Großmutter. Ein wenig Kerzenwachs, weich geknetet. Ein Bindfaden zum Abschnüren der Körperteile. Mit Buntstift das Gesicht markiert. Punkt, Punkt, Komma, Strich. Hässlicher kleiner Zwerg.

Hässlicher Zwerg, heiß geliebter Zwerg.

Ein Stück Schaumstoff, ein zerschnittenes Unterhemd, Nadel und Faden. Langes Fädchen, faules Mädchen.

Trauriges kleines Mädchen. Eine kleine Holzkugel, Mutters Seidenschal, Wangenrouge und Brauenstift. Schere, Nadel und Faden.

In der Schublade, unter der Wäsche, wächst die Kinderschar. Kein Vater. Und die Mutter sowieso nie da.

Der hässliche kleine Zwerg erstickt zwischen Hemdchen und Söckchen. Weg damit. Und als die Mutter eines Tages Ordnung schafft, denn das war schon längst fällig, du kleine Schlampe, da ist auch der lustige kleine Junge nicht mehr da. Und der Mülleimer ist längst geleert, als die Schule aus ist.

Das Kind nimmt die große Küchenschere zur Hand und zerschneidet Mamas schönstes Sommerkleid. Das neue Kind hat Blumenaugen und einen Gräsermund. Und das Haar so weich aus echtem Nerz.

Böses Kind! Schlimmes Kind! Das geht ja auf keine Kuhhaut mehr.

 

Im Heim lernen die Kinder, wie man aus einem Eimer Wasser, Tapetenkleister, in klitzekleine Fetzen zerrissenem Zeitungspapier Puppenköpfe modelliert. Ein Kopf entsteht. Dann ein Gesicht. Und aus Stoffresten, am Hals befestigt, das Kleid ohne Herz.

Viele Köpfe dann und viele Gesichter. Eines sieht aus wie der Lehrer, der sie dumm schilt und faul. Nein, Verkäuferin will sie nicht werden. Der Lehrerkopf wird besonders hässlich. Und als er fertig ist, mit einem Lumpenhemd bekleidet, wird er mit Stecknadeln gespickt und dann in der Kofferkammer an einen Nagel gehängt. Da, wo es ganz besonders dunkel ist. Die Erzieherin aber, die damit droht, ungezogenen Kindern ein adressiertes und frankiertes Brett auf den Rücken zu nageln, und ab geht die Post, die bekommt ein schrumpliges, hässliches Hexengesicht. Und die Klospülung gurgelt, dass es eine Freude ist.

Ein Mutterkopf will einfach nicht gelingen, denn die Mutter hat sich lange nicht mehr blicken lassen.

 

III.

Nun ist sie über achtzehn. Kein Heim nimmt sie mehr auf und die Großmutter ist tot. Kein Platz nirgends.

Dort, wo man ihr eine Unterkunft zuweist, richtet sie sich karg ein. Sie ist nirgendwo registriert und genügt sich selbst. Oft genug wechselt sie ihr Lager. Es wird die schönste Zeit in ihrem Leben werden, dessen ist sie gewiss. Sie schläft in den schönsten Gärten, erwacht im Sommer vom Gesang der Vögel. Isst von den Früchten des Waldes und trinkt vom Wasser der Quellen. Und auch die Orte, an denen man den Lehm gräbt, hat sie bald entdeckt.

Und so dauert es nicht lange, bis die ersten Puppenköpfe geformt sind.

Sie modelliert die Gesichter mit den Händen und erreicht recht bald eine gewisse Vollkommenheit darin. In einer Spiegelscherbe, die sie eines Tages in der Nähe einer kleinen Müllansammlung entdeckt, sieht sie nach langem das erste Mal wieder ihr Antlitz und erschrickt zunächst. Dann aber gewinnt sie Freude am Formen des Absurden, ihr Gleichenden. Und irgendwann in der Folge hat sie herausgefunden, wie sie die bis dahin körper- und haarlosen Geschöpfe vervollkommnen könnte. Aus Wurzelfasern, Gräsern und Wildkräutern fertigt sie die Haare, aus den unterschiedlichsten Blättern und den Fasern von Baumrinden die fantastische Bekleidung. Feen, Trolle und Kobolde bilden so in den nächsten Jahren ihre Familie. Und was ihr einst mit Monika nicht gelingen wollte, ist ihr letztendlich bei ihren Kindern gelungen: Sie haben das Laufen gelernt. Und irgendwann verwundert es sie schon längst nicht mehr, dass sie sich mit ihr unterhalten, als seien es wahre kleine Menschenkinder. Und als sie einmal wieder einen Scherben gefunden hat und ihr Ebenbild darin erblickt, da kann sie kaum noch einen Unterschied erkennen zwischen sich und ihrer bunten Kinderschar.

Nie ist sie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit.

 

Als man sie gefunden hat, hat es zunächst einen großen Aufruhr gegeben.

Spaziergänger, genau genommen, deren Kinder, hatten sie eines Tages beim Versteck spielen entdeckt.

Zwar ließ man sie nach einiger Fragerei zunächst wieder laufen, denn sie schien hinlänglich bei Sinnen. Ihre Kinder fand sie jedoch nicht mehr am gewohnten Ort, als man sie wieder hatte laufen lassen. (…)

 

 

 

 

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