Plenissimus Venter

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Es ist nicht lange her, da litt ich an einer eigenartigen Erkrankung, deren exakte Diagnose bis dato keiner der etwa 33 Doctores zu stellen imstande war, die ich im Laufe der nun hinter mir liegenden siebeneinhalb Jahre konsultierte. Da es sich, so vermute ich, um ein äußerst seltenes Krankheitsbild handelt, möchte ich Sie nun, da ich auf dem Wege der Besserung bin, darüber informieren, wie es zur wundersamen Selbstheilung kam. Um aber nicht gleich in «medias res» zu gehen, werde ich Ihnen zuvor erzählen, wie es zu dieser wundersamen Begebenheit kam.

Es war ein Irrtum gewesen, allein um der Geselligkeit willen in die Großstadt zu ziehen, dies kann ich schon einmal als vorgezogenes Fazit feststellen. Zwar bewegte ich mich viel unter Menschen, besuchte auch hin und wieder Museen oder Flohmärkte, hielt jedoch ansonsten, wie zuvor auch, Abstand von jedem, der mir näher zu kommen suchte. Während also, mangels geeigneter Kommunikation, etliche Wörter und Sätze ungesprochen blieben und sich die Gedanken in meinem Kopf ansammelten – es ist ein Wunder, dass ich nicht ebenfalls an Kopfschmerzen litt – begann mein Leib anzuschwellen, und dies auf eine mir selbst unansehnliche Weise, dass ich kaum noch aus dem Haus zu gehen wagte.

Lange zerbrach ich mir den Kopf über mögliche Ursachen dieser rätselhaften Gewichtszunahme. Schließlich erreichte dieser Zustand einen Punkt, an dem ich morgens nicht mehr in den Spiegel gucken mochte, und auch nicht abends. Zunehmend mied ich den Gang zum Kühlschrank, in dem die paar kläglichen Überreste meiner vormaligen Lieblingsspeisen dahindarbten. So lange, bis ich sie, selbstverständlich umweltgerecht, entsorgte und mich auf das Notwendigste beschränkte.

Der Zusammenhang zwischen gewohnter Ernährung und dem zunehmenden Umfang meines Leibes erschloss sich mir lange Zeit nicht, so sehr ich auch darüber grübelte. So testete ich im Laufe dieser Zeit Diäten an mir, die aufzuschreiben allein ein mehrbändiges Kochbuch füllen würde.

Ich mag Sie nicht länger langweilen und komme ohne weitere Umschweife zur Sache: Es geschah an einem frühen Morgen, um genau zu sein, Punkt sieben am vierten Mai des vergangenen Jahres, als ich von einem seltsam Würgereiz geweckt wurde. So schnell es mir in der gegebenen Situation möglich war, eilte ich in den Waschraum, um mir Erleichterung zu verschaffen. Zugegeben, es ist mir ein wenig peinlich, an dieser Stelle eingestehen zu müssen, dass ich das Ziel knapp verfehlte und mich in einen zufällig im Wege stehenden Eimer erbrach, und ich erbitte mir hierfür Ihr Verständnis. Was aber sollte ich Ihnen weiter berichten, ohne unglaubwürdig zu erscheinen? Ich begreife es bis heute selbst nicht: Nacheinander ergoss sich ein buntes Allerlei, das, bei genauerer Betrachtung, keinerlei Gemeinsamkeit mit der Konsistenz von gemeinhin Erbrochenem aufwies, noch roch es unangenehm. Sobald ich mich über das Gefäß bückte, erkannte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen eine Ansammlung von Buchstaben, die sich alsbald, in loser Reihenfolge und einer mir bis heute nicht plausibel erscheinende Logik folgend, aneinanderreihten. In einem gewaltigen Schwall strömten weiterhin Vokale wie Konsonanten aus meinem weit geöffneten Mund. Mir wurde zunehmend wohler, denn in dem Maße, in dem mir zuweilen ganze Sätze in Brocken aus dem Hals fielen, verringerte sich auch Umfang meiner Taille. Da ich allein lebe, konnte ich dies ohne Scheu geschehen lassen. So ging es mehrere Tage hintereinander.

Hatte ich zunächst lediglich eine große Erleichterung verspürt und, wie es in derartigen Situationen sicherlich nicht ungewöhnlich ist, mich auf das leibliche Wohlbefinden konzentriert, so bemerkte ich recht bald, dass, trotz des leiblichen Wohlseins, eine beträchtliche Leere in mir entstanden war. Das erhabene Gefühl, das ich hätte empfinden müssen, wollte sich nicht einstellen. Erst als ich imstande war, diesen Zustand immer noch unzureichenden Wohlbefindens zu hinterfragen, gelang es mir, ihn in Worte zu fassen. Damit verbrachte ich einen weiteren Tag. Die aus diesen Überlegungen resultierende Erkenntnis, dass der Magen, egal ob voll oder leer, nicht allein ausschlaggebend für jemandes Wohlbefinden sein kann, dessen Sättigungsgefühl, Zufriedenheit, ja, auch das Glück, aus einer allein von der Art her immateriellen Stoffes besteht, versetzte mich letztendlich in den Stand, wieder klar denken zu können.Ich hütete mich, und dies wider jedes Reinlichkeitsgebot, den bunten Auswurf zu vernichten, schöpfte ihn sorgsam mit einem Kescher aus dem nahezu bis an den Rand gefüllten Gefäß, breitete ihn auf dem nie zuvor derart sinnvoll genutzten Dachboden des Mietshauses aus, in dem ich wohne. Sobald die Bestandteile in der Sonne getrocknet und einzeln erkenntlich wurden, verbrachte ich mehrere Wochen mit dem Sortieren. Daran schloss sich das sinnvolle Komponieren der nun deutlich zu entziffernden Zeichen an, erst nach Farben, dann nach Sinn. In dieser Zeit verspürte ich kaum Hunger noch Durst, verlor zunächst mein noch auf mir lastendes Übergewicht und wurde schließlich spindeldürr. Dies geschah eben zu der Zeit, als ich die Buchstaben und Sätze wiederum zu sinnvollen Gesamtgebilden vereint hatte.

Diese Beschäftigung, der ich mich nun tagtäglich mit zunehmender Freude widme macht, dass eine seit siebeneinhalb Jahren nicht mehr verspürte Ausschüttung von Glückshormonen meinen Körper aus sich selbst heraus mit der köstlichsten aller Nahrungen versorgt.

 

©BiO 4.21