Das Sammeln ist dem Menschen in die Wiege gelegt, genetisch kodiert, so, wie das Jagen. Seiner Notwendigkeit beraubt, treten beide Tätigkeiten im hochtechnisierten Zeitalter in entfremdeten Formen auf. Macht gewinnt man, wenn man Daten sammelt, sie auswertet und dann eventuell manipuliert, damit eine Person in der Öffentlichkeit bloß gestellt wird und endlich in den wohlverdienten Ruhestand geschickt werden kann. Gemeiner wird es, wenn Geheimdienste und Polizei auf Datensammlungen zurück greifen. Hier kann der Person ein mächtiger Schaden entstehen. Die Person wird unter Druck gesetzt, etwas zu behaupten, was aus ihrer Sicht einfach nicht wahr ist. Die Inquisition hat in der Demokratie sehr viele Gesichter, aber eins davon ist das grausigste: wenn ein Rechtsstaat zu seinem eigenen Schutz das Recht bricht und später den Rechtsbruch nicht mehr aufklären kann, weil Behörden, Geheimdienste und andere verdeckt, gelogen und gemauert haben.

Besser sind die Menschen dran, die etwas Kurioses sammeln. Parkuhren oder Knöllchen. Um die Sammlung interessant zu gestalten, muss sie inzwischen den Globalisierungsfaktor aufweisen. Ein Knöllchen aus Hiddensee reicht nicht mehr, obwohl es sich hier um eine Kuriosität handeln würde. Nein, das Knöllchen muss schon aus einem anderen Land sein. So kämen die Falklandinseln genauso in Frage wie vielleicht Grönland, damit eine optimale Knöllchensammlung entsteht.

Manche Menschen sammeln große Dinge, weil sie im Leben immer große Dinge geleistet haben. Große Dinge brauchen viel Platz. Jeder kennt Sammlungen alter Autos, die, bedingt durch ihr Alter eben, immer der gehobenen Finanzkaste zuzuordnen sind. Ganze Inseln benötigt man heute schon, um Sammlungen solcher Art auszustellen. Das ist mit den Museen nicht anders.

Sammeln soll eine Leidenschaft sein. Aber was ist, wenn man etwas sammelt, das keinen Platz benötigt, das eben gar nicht sichtbar ist aber trotzdem vorhanden. So geht es mir. Ich sammle Erinnerungen anderer Menschen. Sie werden meiner Meinung nach in einem Bereich meines körperlichen Daseins gespeichert, auf den noch nicht einmal mein Unterbewusstsein Zugriff hat. Irgendwo unter meiner Bauchdecke muss es sein. Dort sind die Erinnerungen drin. Denn manchmal spüre ich ein Kribbeln an einer ganz bestimmten Stelle meines Bauches. Da muss es sein. Die Erinnerungen kann keiner sehen, selbst ich kann sie nicht sehen. Es sind eben konservierte Erinnerungen und ich bin die dazu gehörige Konservendose mit einem mehrjährigen Haltbarkeitsdatum.

Es war vor etwa zehn Jahren, da stellte ich fest, dass ich diese besondere Gabe habe. Ich kannte eine sehr schüchterne Frau, die als Kind von ihrem Onkel sexuell missbraucht worden war. Sie litt unter Albträumen und wollte ihrem Leben ein Ende setzen. Doch dann kam ich. Der Retter aus der Erinnerungsmaschine. Ich sprach mit ihr eines Abends über diese schrecklichen Erlebnisse. Warum sie sich mir gegenüber so geöffnet hat, kann ich nicht sagen. Ich hielt ihre Hände, und plötzlich veränderte sich ihr Gesicht derart, als wäre sie von ihren traumatischen Erlebnissen geheilt worden. Sie konnte sich auf Nachfrage meinerseits nicht mehr an diesen Missbrauch erinnern. Ihr Leben änderte sich schlagartig. Sie ging in die Öffentlichkeit, hatte keine Beziehungsängste mehr und wurde eine sehr bekannte Regisseurin von Dokumentarfilmen. Sie war geheilt, und ich war der Grund dafür. Eigentlich dachte ich, es hätte sich um eine einfache Übertragung der Erinnerungen gehandelt. Aber es ist dann doch ganz anders. Ich erkläre es mir immer wie folgt: die Konservendose der traumatisierten Menschen ist löchrig. Durch diese Löcher können dann die grausamen Erinnerungen entweichen. Aber der traumatisierte Mensch versucht immer mit allen Kräften, die Löcher zu stopfen. Komme ich dann, so entweicht die Erinnerung vollständig und wird in meiner Konservendose aufbewahrt. Aber die hat keine Löcher, nein, die ist absolut dicht. Nichts kann aus ihr entweichen. Ich kenne die Erinnerungen, die ich aufbewahre, auch gar nicht. Ich weiß nur, dass sie eben in Schach gehalten werden und ihre furchtbare Wirkung nicht mehr entfalten können.

Natürlich habe ich aus meiner Fähigkeit ordentlich Kapital geschlagen. Schließlich gibt es immer mehr traumatisierte Menschen: Vergewaltigungsopfer, traumatisierte Soldaten, traumatisierte Politiker uns so weiter. Meine Praxis ist schnell bekannt geworden. Inzwischen hatte ich die Buchungen komplett automatisiert. Sie konnten sich über meine Internetseite direkt anmelden. Eine Behandlung kostete 1000 € und dauerte ca. 15 Minuten oder vielleicht auch etwas länger, je nachdem wie lange sie mir ihr Trauma erzählten. Inzwischen bin ich sehr reich geworden und habe eine Frau kennengelernt, die ich ebenfalls von ihren traumatischen Erinnerungen befreit habe.

Eines Tages aber wurde ich dann sehr nachdenklich. Die Dokumetarfilmerin hatte einen Bericht über traumatisierte amerikanische Soldaten gemacht. Die waren zu jener Zeit meine besten Kunden. Und da sah ich ihn auf dem Bildschirm. Er war vor sieben Jahren bei mir gewesen und ich hatte seine Erinnerung an ein Bombenattentat in Bagdad gelöscht. Seit dem konnte er wieder einer geregelten Arbeit nachgehen. Er ist ein sehr erfolgreicher Immobilienhändler geworden. Doch eines Tages fand man ihn erhängt. Neben ihm lag eine rote Schachtel, auf der der Name Kate geschrieben stand. Das war meine Schachtel. Ich gab jedem Geheilten eine rote Schachtel mit. Darauf schrieb ich einen Namen, der mit der traumatischen Erinnerung zusammenhing. Ich sagte dann meinen Patienten, sie sollten diese Schachtel immer gut aufbewahren. Wenn ihnen zu dem Namen nämlich nichts mehr einfiele, dann könnten sie auch sicher sein, dass ihre Erinnerung an den Namen und die damit verbundenen Erlebnisse auch nicht mehr vorhanden sei.

Lange habe ich überlegt, wie dies möglich war. Ich forschte nach und fand heraus, dass all die Suizide, die ehemalige Patienten begannen hatten, mehr als sieben Jahre zurück lagen. Ich konnte mir das nur so erklären, dass meine Konservendose irgendwann einmal voll ist und dann die Erinnerungen wieder freisetzt, die am längsten dort aufbewahrt wurden. Bis auf die erste Erinnerung natürlich, denn sonst wäre die Dokumentarfilmerin auch schon gestorben. Wenn ich also so weiter machen würde, so würde auch meine Frau an ihren wiederkehrenden Erinnerungen sterben. Eigentlich bin ich zum Massenmörder geworden, ohne es jedoch zu wissen. Damals, als mir klar geworden ist, dass ich auch nur eine endliche Größe besitze, auch wenn meine Gabe schon außergewöhnlich ist, habe ich meine Praxis für immer geschlossen. Außerdem ist meine Erinnerungsdose inzwischen prall gefüllt. Ich merke das manchmal, wenn mein Bauch am Nabel sich wellt. Das dauert immer zehn Minuten lang, danach ist wieder Ruhe.

Heute frage ich mich, was mit all den Erinnerungen der Menschen passiert, wenn sie sterben. Ich habe inzwischen etliche Bücher darüber geschrieben. Meine Theorie ist sehr einfach: es gibt eine globale Erinnerungsdose, die viel größer ist als meine, aber auch nur endlich. Dort sind all die Erinnerungen der Toten aufbewahrt. Was allerdings geschieht, wenn auch diese Dose voll ist, wage ich mir nicht vorzustellen.



© GOO, Februar 2013