Der Apfelkeller. Ausschnitt aus Lenas Tagebuch:

 

 

„….Lange Zeit habe ich kein ungedrucktes Schriftstück mehr zu Gesicht bekommen. Es hat mich überrascht, eine geübte, antiquierte Handschrift vor mir zu sehen, wie ich sie bisher nur von Dokumenten-Kopien aus dem 19. Jahrhundert kannte. Der knappe Stil, in dem die Nachricht verfasst war, glich eher den Kalendereinträgen eines älteren Menschen. Den beschriebenen Koffer fand ich recht schnell an der angegebenen Stelle; mehrere Lagen Luftpolsterfolie waren zum Schutz vor Feuchtigkeit um Notebook und Handy gewickelt. Noch während ich die Geräte auspackte – draußen fiel wieder leiser Regen – nahm ich einen frischen, leicht süßlichen und seltsam bekannten Geruch wahr. Mit nachlassender Konzentration mühte ich mich, das Handy auszuprobieren, die Tasten mit den jeweiligen Funktionen zu verbinden und all dies auch zu verstehen. Dann wusste ich mit einem Mal den Geruch einer bestimmten Sorte von Äpfeln zuzuordnen. Kindheitsäpfel waren dies, und es dauerte nur wenige Sekunden, bis ich ein paar Schritte weiter in den dunklen Keller gegangen war und dem eigenartig lockenden Duft folgte.

Vom Fenster her fiel das schwache Tageslicht auf die Holzsteigen, auf denen in gleichmäßigen Reihen Goldparmänen, Boskoop, wieder Goldparmänen darauf warteten, dass Einer oder Eine sie endlich einhole. Die Lagerzeit war längst überschritten, die Schalen waren runzlig geworden und fühlten sich an wie weiches Leder. In diesem Zustand schmecken sie am besten, sagte Großmutter manches Mal, wenn sie mich in den Keller schickte, ein paar Äpfel zum Vesper zu holen oder zur Belohnung für einen kleinen Botengang. Das ist der Geruch des Winters! Wie alt ich damals war, erinnere ich nicht. Einen Stuhl musste ich anstellen, und die Äpfel kullerten immer wieder aus der gelupften Schürze. Mach dich nur nützlich, Kind, sagte sie, und sie wiederholte dies viel zu oft, es wird dem Onkel und der Tante gefallen, müssen sie dich schon durchfüttern.

Ich stand neben dem Apfelregal und konnte mich nicht gegen die Erinnerungen wehren, die sich nun aneinanderreihten wie ein Apfel an den anderen. Wie viele Äpfel mögen es sein? Wie lange werde ich damit auskommen? Ich sollte sie besser zu mir ins Häuschen nehmen, bevor der Hof verkauft wird. Dies überlegte ich mir allen Ernstes, ohne auch nur einmal daran zu denken, auch meine Bleibe könnte im Verkaufsangebot inbegriffen sein. Dann drehte ich die Äpfel der Reihe nach um, so, wie ich es gelernt habe, um sie auf mögliche Faulstellen zu überprüfen. Von draußen war noch immer das leicht gedämmte Rauschen des Regens zu hören. Ich nahm einen Apfel in die Hand und rieb ihn an meiner Jacke ab, bevor ich hineinbiss. Großmutters Haus war mit wildem Wein bewachsen und wechselte die Farben mit den Jahreszeiten, wie sich auch die Weltanschauungen der Bewohner dem Zeitenlauf anpassten. Zur linken Seite von Großmutters Apfelsteigen stand das Fliegenschränkchen. Ein Gitter aus dicht gewebtem Draht schützte die Lebensmittel vor Ungeziefer: die Butter im eiskaltem Wasser, dazu die Cervelatwurst, den Emmentaler, nicht zu vergessen das Fässchen Salz, damit der Käse nicht austrocknet.

Oft kehrt dieser Keller meiner Kindheit in meinen Träumen zu mir zurück: Vor der Tür zum Luftschutzkeller ein Schrank, darin unzählige Bücher, uralte Bücher, dicke Fotoalben mit schweinsledernen, goldrankenverzierten Einbänden, die hochkantigen Fotos von fahlgesichtigen, sonderbar gewandeten Elfen und Faunen in die Schnörkelecken perlmutterfarbener Papptafeln geschoben. Dann, in einer weit geöffneten Schatulle, die zahlreichen Orden des Urgroßvaters auf blutrotem Samtkissen, daneben der Offiziersdolch mit der verräterischen kleinen Lücke am Verbindungsstück zwischen Griff und Scheide, die noch lange Jahre nach dem Krieg Kunde geben sollte vom akkuraten Ausbrechen der Swastika. Vor all dem eine alles verschließende Scheibe aus daumendickem, trübe gewordenem Glas, der neugierig Träumenden ein Betasten oder auch ein unerlaubtes Aneignen, ein Hinüberretten in ein späteres Leben hinein verbietend.

Weder dachte ich zu diesem Zeitpunkt an den Regen, noch an das schwarze Bordcase mit der Aufschrift ‚Quantas‘, schon gar nicht an seinen Inhalt. Die Abwesenheit eines Geräusches muss es gewesen sein, die mich aus meinen Träumereien in die Realität zurückrief. Ich stopfte ein paar der Äpfel in meine Jackentaschen, auch im Koffer war noch etwas Platz. Dann beeilte ich mich und lief, so schnell ich konnte, zurück in mein Häuschen. Bevor ich die Tür erreicht hatte, hinderte mich ein heftiger Schmerz im rechten Bein am Weitergehen und ich stürzte zu Boden.“

 

 

Auszug aus dem Manuskript in Arbeit: Die Puppenmacherin. B.O., 2011