Schnecken oder Brennholz - beides wird Ihnen in Krakow am See auf Ihren Spaziergängen oder Wanderungen zu Genüge begegnen. Die Stadt ist mehrere Male einem Brand zum Opfer gefallen. 1358 wurde sie von Feinden des Herzogs Albrecht von Mecklenburg niedergebrannt, 1759 wird ein weiterer Großbrand erwähnt. Im Dreißigjährigen Krieg mussten ca. 85% der Bevölkerung durch die Pest ihr Leben lassen. Heute haben niederländische Kaufleute, die nach der Wende neue Investitionsgebiete erschlossen haben, einen beachtlichen Teil der Stadt erobert. So auch die drei Fahrgastschiffe, die den Krakower See befahren: Die „Fritz Reuter“, die „Stadt Krakow“ und die legendäre „Frauenlob“.

 

Der Obersee ist nicht befahrbar, hier handelt es sich um ein Naturschutzgebiet, das unter anderen auch Brutstätten des Seeadlers beherbergt. Normalerweise kann man, möchte man den „unteren“, das ist der nördliche See, genannt "Binnensee", vom Wasser aus erkunden, zwischen zwei Fahrten wählen. Heute sind aber nur die einstündigen, kurzen Fahrten möglich, weil man an Feiertagen mit einem größeren Andrang rechnet. Also werde ich die zweistündige Fahrt, die den gesamten nördlichen See umfasst, vor Ostern nicht mehr erleben können.

 

Die „Fritz Reuter“, benannt nach dem mecklenburgischen Heimatdichter, dessen Geburtstag sich 2010 zum 200. Male jährt, wird uns über den See bringen. Erinnerungen an meine Kindheit werden wach, als ich einen Spruch des Dichters, in Frakturschrift und eingefasst von einem DIN A4 großen Bilderrahmen, sehe: „Wer Dag für Dag sein Arbeit deit // un iümmers up'n Posten steiht // un deit dat froh un deit dat geern // de kann sick ok mal amüseern“. Im Flur meines Elternhauses hatte mein Vater ähnliche Sinnsprüche aufgehängt. Das gleiche Format und der gleiche Rahmen.

 

So fahrn wir übern See und lassen die wunderschöne Landschaft an uns vorbeiziehen. Ich werde erst wieder hellhörig, als der Bootsführer auf die tiefste Stelle im See verweist. Diese Information schiebt er elegant zwischen Werbeblöcke für den niederländischen Investor, der, wie wir später durch Zufall erfahren, kein anderer als sein Brötchengeber ist. Mit ca. 27 Metern Wassertiefe kann man hier, nahe der nördlichen Spitze der Halbinsel Lehmwerder, nicht weit entfernt vom Fritz-Reuter-Gedächtnisstein, rechnen. Ich markiere die Stelle auf der Karte, die wir von der Tourist-Information der Stadt Krakow erhalten haben. Daneben vermerke ich: Hier ist der Schatz!

 

 

 

Einmal lebte zu Krakow am See das Geschlecht der Flugriesen. Imposante Geschöpfe waren dies, mit langem Haar und Flughäuten zwischen Armen und Körper, die sich in des Teufels Namen in die Lüfte erhoben, um die Schätze dieser Welt zusammen zu tragen. Am 2.7. eines jeden Jahres kam der Satan aus dem Teufelsschlund im See gefahren, um sich all die schönen Kostbarkeiten einzuverleiben. Heute gibt es diese Könige der Lüfte nicht mehr, aber damals, hättest du da schon gelebt, hättest du sie schon aus der Ferne hören können. Fütt-Fütt-Fütt machte es, und das kam daher, weil der Flügelschlag der Flugriesen so regelmäßig war, wie sich der Sekundenzeiger einer Uhr jede Sekunde mit einem „Tick“ eine Position weiter bewegt.

 

Die Flugriesen konnten Loopings fliegen oder sich im Flug zur Seite legen. Sie waren die Akrobaten der Lüfte, und heute hättest du sicherlich einen riesigen Spaß daran, wenn du dich auf ihren Rücken in die Lüfte würdest emporheben können. Aber leider sind diese Zeiten schon lange vorbei. Und das Gefühl der Flugriesen, das sie verspürten, wenn sie sich zu jenen Zeiten ihre Kunststücke in absoluter Freiheit über dem Krakower See gegenseitig vorführten, kann ich mit Worten nicht beschreiben.

 

Doch was so schön ist, hat meistens auch eine Kehrseite. Auf den Flugriesen lag der Fluch des Teufels, dessen Großmutter einst den Krakower See erschaffen haben soll. Als diese nämlich den riesengroßen Stein nach ihrem nervigen Enkelkind warf, wurde nicht nur der Krakower See ausgehoben, sondern auch eine Gruppe von Flugriesen aufgeschreckt, die in der Sonne dösten. Da erst entdeckte die Großmutter des Teufels die königlichen Geschöpfe, und in ihrem Zorn verfluchte sie die Herren der Lüfte: Die Flugriesen mussten jedes Jahr in der Nacht vom 1.7. auf den 2.7. in die Welt hinaus fliegen und den Menschen ihre Schätze wie Gold, Silber, Diamanten, Rubine oder andere Edelsteine stehlen. Sobald sie genug zusammen geraubt hatten, flogen sie zurück und versenkten all dies an der tiefsten Stelle des Sees. Denn dort ist auch der Höllenschlund, und all die Kostbarkeiten fuhren somit auf direktem Weg in die Hölle. Weg waren sie, die Schätze, und kamen nicht mehr wieder.

 

Die Flugriesen wollten die Menschen gar nicht bestehlen, aber der Fluch war so mächtig, dass sie sich nicht dagegen wehren konnten. Und so kam es, dass jedermann und jedefrau große Angst hatte, sobald die Flugriesen am Himmel erschienen, obwohl es nicht die Nacht vom 1.7. auf den 2.7. war. Auch die Flugriesen hatten es mit der Zeit immer schwerer, Schätze zu finden und so mussten sie immer weiter fliegen. Bis in den Orient und nach China sind sie damals geflogen, um an Gold und Edelsteine für den Teufel zu kommen. Und so kam es, dass die Flugriesen überall auf der Erde gefürchtete Wesen waren.

 

Weil der Teufel aber immer weniger Schätze bekam, wurde er immer zorniger und setzte die Flugriesen mächtig unter Druck. Sie müssten fortan jeden Tag nach Schätzen Ausschau halten. Wenn sie dann aber welche fanden, sollten sie sich den Ort gut merken und an besagtem Tag dorthin fliegen, um sich die Schätze zu holen. Unter diesen Bedingungen machte es den Flugriesen keinen Spaß mehr, und sie verloren alle Lust am Leben. Immer nur auf der Suche nach den Schätzen dieser Welt und keine Ruhe mehr, um miteinander zu spielen, miteinander zu essen, miteinander zu reden, miteinander zu lachen, miteinander zu weinen, miteinander zu arbeiten, kurz: miteinander zu leben.

 

Da kam eines Tages ein Flugriese auf die Idee, so viele Schätze in der Welt einzusammeln, dass man den gesamten Höllenschlund im Krakower See damit verstopfen konnte. Gesagt, getan! So brachten die Flugriesen nach und nach alle die Schätze zum See und versenkten sie genau an der Stelle, wo der Höllenschlund war, nämlich an der tiefsten Stelle des Sees, da wo heute Lehmwerder liegt. Und als der magische Tag kam und der Teufel die Hölle wie jedes Jahr öffnen wollte, da war der Zugang verstopft und er konnte nicht auf die Erde fahren, um sich all die Schätze zu holen.

 

Die Flugriesen aber konnten wieder weiter glücklich leben, so wie es vor dem Fluch war, den die Großmutter des Teufels über sie ausgesprochen hatte.

 

Noch heute kannst du den Schatz sehen, wenn du in der Nacht vom 1.7. auf den 2.7. ein magisches Dreieck legst, das aus dem Haar eines Blinden, eines Taubstummen und einem vom deinen eigenen Haaren besteht. Die drei Ecken des Dreiecks aber müssen alle gleich weit voneinander entfernt sein und du musst genau um Mitternacht in der Mitte dieses magischen Dreiecks hocken. Wenn du dann die Augen schließt, kannst du den Schatz sehen, die vielen Edelsteine, das Gold oder das Silber, das ebenso glänzt wie die kleinen Wellen auf dem Krakower See. All das kannst du sehen! Aber ehrlich, so ganz unter uns gesagt, so schön ist das gar nicht, einen Schatz aus Gold und Edelsteinen zu besitzen, wie sich manche Menschen das ausmalen. Denn wo viel Sonne, die alles zum Glänzen bringt, so sagt man, da ist auch viel Schatten, der alles stumpf werden lässt.

 

Abends sitzen meine wunderschöne, kluge und weise Frau und ich vor unserer Ferienhütte und sind glücklich. Der Beschluss, wiederzukommen, fällt nicht schwer.

 

© goo, April 2009