Der Sandmann

 

„Hereinspaziert! Meine Damen und Herren, meine Kinder! Besuchen Sie unser Zelt und nehmen Sie auf dem Diwan Platz. Rauchen sie entspannt eine Wasserpfeife und genießen Sie den frisch gebrühten Pfefferminztee. Hereinspaziert! Lassen Sie sich das mit Liebe gewürzte Cous Cous von unserem Tawfik das Köpfchen, Sohn der Madame Melrose, servieren, das ein grausames Geheimnis in sich trägt. Hereinspaziert! Bitte nicht böse sein, aber Tawfik muss immer mit dem Radio am Ohr herumlaufen und klassische Musik hören.

Die Kinder? Ja, auch die Kinder werden Ihren Spaß haben! Sehen Sie unserem Dr. Branzger zu, wie kunstvoll er Papierflieger zu bauen versteht: sie gleichen einem Bumerang, der stets an den gleichen Ort zurückkehrt. Wahrlich, ich sage Euch, ein Riesenspaß für die ganze Familie.

Und für die Großen unter Ihnen ist auch etwas dabei. Seien Sie achtsam! Dann werden Sie schon merken, wie man Sie mit Zetteln füttern wird, die unter der Zeltplane hindurchgeschoben werden. Eine Geschichte! Ja! Aber was für eine! Sie werden sich wundern, Sie werden überrascht sein, Sie werden entsetzt sein! Die Geschichte vom gutsituierten Quint und seinem Sohn Julian, den er abgöttisch liebt – apropos: auf Französisch kommt der Name erst ans Klingen. Wie er die Sicherheit im erneut vereinten Deutschland aufgibt und in das dunkle Tunis reist, nur weil er eine Postkarte von seinem Kindermädchen Helen erhalten hat. Nur! Die ungeliebte Geliebte wiederzusehen ist schon Grund genug.

Hereinspaziert, meine Damen und Herren! Nehmen Sie nicht alles für bare Münze, was man Ihnen hier auftischt. Denken Sie an die Papierflieger oder an Mahbaba, der Helens Geliebter sein soll. Oder vielleicht an Madame Melrose, deren Liebe so leicht und so wahr ist wie eine frisch bestellte Wiese. Denken Sie an Selbsttäuschung und an die dunkle Seite in Ihnen, wie es all Ihre Fähigkeiten missbraucht. Wie es Sie verstrickt! Nur ein Mord kann hier noch Befreiung bringen! Mord! Ja, aber der soll so leicht sein wie der Hauch eines Frühlingslüftchens. Das Opfer stellt sich gar selbst in Positur. Ein kleiner Schubs genügt, und schon wird es vom Dach stürzen.

Was? So beruhigen Sie sich doch! Sie suchen Ihre Kinder! Aber die sind doch bei Dr. Branzger und spielen mit den Papierfliegern. Moment mal!“

 

Die dunkle Seite, die mit den Mittel der Täuschung ihre Macht ausüben und erhalten kann und die Menschen hinters Licht führt, hat nicht nur eine gesellschaftliche Dimension. Wer hätte das besser wissen können als der Spion der aus der Kälte kam. Die dunkle Seite wird einverleibt und die Spaltung der Welt vollzieht sich im Innern, in einer Gesellschaft, die das Ego zum Maßstab aller Dinge erhoben hat, kann das Dunkle nie erhellt werden. Damit bekommt es pathologische Züge und hier sei der Vergleich zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung der Sandmann erlaubt. Doch was ist die Konsequenz?

Bei E.T.A. Hoffmann und Bodo Kirchhoff bringt sich die dunkle Seite selbst um. Sie hinterlässt einen tiefen Fall, der auf einen Punkt zustrebt, indem Opfer und Täter identisch werden. So auch wortwörtlich bei E.T.A. Hoffmanns Sandmann.

Das Ich des Protagonisten Quint bekommt seine Landschaft in Kirchhoffs Erzählung und wird vermessen, ausgelotet in den Personen widergespiegelt. Dr. Branzger, die männliche Seite des Ichs, der den Protagonisten Quint hinters Licht führt. Branzger muss sterben, denn seine Lügen können eine Frage nicht mehr beantworten: Warum er das alles tut. Worte, keine Worte mehr, keine Geschichten, ausgedacht und dabei an etwas anderes gedacht. Hier schreitet das Ich zur Tat und die fällt so leicht, weil sie schon die Antwort in sich birgt: ein kleiner Schubs reicht, das Opfer hat sich selbst an den Rand des Daches platziert.

Helen, die weibliche Seite des Ichs, die vom ständigen Gerede verzweifelt in der dunklen Seite verschwindet, bringt immer noch die Geduld auf, gehört zu werden. Sie ist die Antwort auf die Frage des Kindes: „Wirst du dich auch um mich kümmern, wenn ich schlafe?“. Und so ist es auch Clara in E.T.A. Hoffmanns Erzählung, die ihren Nathanael nicht aufgibt.

Das Kind Julian, der die beiden Seiten des Ichs herausfordert. Der aus Schuld im Sinne Heideggers Freiheit werden lässt, gedacht als Entschluss im Sinne Sartres.

Doch was bleibt übrig, wenn die dunkle Seite tot ist? Bei E.T.A. Hoffmann immerhin ein Schein-Happy-End. Clara sitzt zufrieden mit zwei Kindern und einem freundlichen Mann in einem schönen Landhaus. Bei Bodo Kirchhoff liest sich das realistischer als reine Möglichkeit.

Dies alles, hervorragend von der männlichen Seite – des Vaters oder des Dr. Branzger erzählt, findet sich im düsteren Tunis wieder. In einer Stadt, die wegen ihrer Schäbigkeit schon fast schön ist, verliert der Protagonist das eigene Kind oder die eigene Kindheit, um sie schließlich wiederzufinden als Möglichkeit eines Papierfliegers, der so gefaltet ist, das er immer wieder an den Ort zurückkehrt, von dem er gestartet wurde. Und so bleibt vielleicht nur noch eines zu erwähnen, um dieses Buch weiter zu empfehlen: In einem Detail stimmen Protagonist, Dr. Branzger und Autor garantiert überein: alle können hervorragend erzählen!

 

© GOO, April 2010