Anna möchte leicht sein, leicht wie ein Schmetterling. Fliegen möchte sie wie ein Schmetterling oder, eher noch, wie ein Engel. Wäre da nicht diese Schuld, die so bleischwer an ihrer fragilen Seele zerrt. Nicht einmal eine erste Liebe kann sie halten, auf Händen tragen. Die Herausforderung eines gemeinsamen Ausflugs in die Berge, der sie sich ja freiwillig gestellt hat, wird zur Überforderung. In einer Ausnahmesituation, die Wanderer müssen in einer einsamen Kapelle übernachten, scheint Anna von ihrer Vergangenheit eingeholt zu werden. Die vermeintliche Schuld am Tod der kleinen Schwester beißt sich in ihr fest und lässt sie fortan nicht mehr los. Das Engelmedaillon, das sie auf dem Altar hinterlässt, als Versuch einer Buße? Eine Situation, in der auch sie gerne Flügel hätte: Mit den aufgescheuerten Füßen kann sie kaum noch gehen. Als sei sie mit bloßen Füßen in die Splitter zertretener Murmeln getreten. Niemand da, der sie trägt; der Freund denkt längst an Trennung. Scheinbar komplizierte Frauen sind für ihre Partner zuweilen schlecht auszuhalten. Vielleicht ahnt Anna dies ja? Also denkt sie sich ihre eigenen Flügel und fliegt zum Fenster hinaus. Zur selben Zeit stirbt ein Schmetterling an der Windschutzscheibe des Fliehenden. Er wird, trotz aller Ausweichmanöver, beim Aufprall zerquetscht. Nicht zerbröselt, wie Harald sich das gewünscht hätte.

Wird Anna, die den Sturz überlebt hat, an ihren rosa Krücken in ein Leben zurückfinden? Diese Frage wird die Leserin dieses eigenartig schönen Buches noch einige Zeit beschäftigen.

Ich habe mir diesen bemerkenswerten kleinen Roman nach einer Besprechung auf Radioeins (RBB Berlin) gekauft und ihn nach dem Lesen zu meinen Lieblingsbüchern gestellt.

Verlag Otto Müller, Salzburg (Juli 2010)

 

 

© BiO, Juni 2011