Christine Gradl, Mensch! Was machst du?, Wiesenburg Verlag 2013 

Die Scheinwelt der Werbung, die Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht „Reklame“ beschreibt, hat in unserer Gesellschaft einen derartig großen Stellenwert, dass die Auswirkungen auf jeden einzelnen von uns direkt spürbar sind. In einer Welt, in der die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt, bleibt nicht nur die Erziehung auf der Strecke sondern auch die elementarsten menschlichen Gefühle. Christine Gradl rechnet mit dieser Gesellschaft ab. Sie benennt nicht nur die materiellen Verhältnisse, die das Ergebnis einer bewussten Verarmungspolitik sind, sondern verbindet dies mit der Lebenswelt von Kindern und Familien, die in einem derart gebauten Gefängnis groß werden.

 Christine Gradl nimmt im ersten Kapitel Abschied von ihrer Mutter, einer Mutter, die ihr allgegenwärtig ist. Diesen Abschied, der einer Kreisbewegung gleicht, verstärkt sie mit mehreren Haiku, die diesen facettenreich untermalen. Zuerst vermutet man gar kein gesellschaftliches Resümee über Politiker oder Politik, Religion oder Glauben, Erziehung oder Medien, Tod und Leben.  Doch die Autorin begibt sich selbst auf den Weg und nimmt ihre Mutter als Ausgangspunkt dieser Bewegung. Sie selbst ist Mutter, sie selbst war berufstätig, sie selbst ist ein politisch denkender Mensch, der persönlichen Erfahrungen stets durch die Gesellschaft vermittelt sieht. Deshalb ist das Buch auch mehr als eine Abrechnung. Es geht darüber hinaus und ist ein Buch über das Leben selbst. So muss Christine Gradl am Ende ihrer Überlegungen auf sich selbst zurück kommen und ein Resümee formulieren, das den Weg vom kollektiven Bewusstsein im individuellen Bewusstsein enden lässt.

Das Buch ist trotz allem ein Plädoyer für das Leben, obwohl die materielle Verarmung des Einzelnen, der Familie und der Gesellschaft eine sehr großen Raum einnimmt. Es geht hierbei nicht um eine Anklage oder Streitschrift, sondern um  eine ganz individuelle Bilanz  und die mütterliche Sorge, dass der gesellschaftliche Kitt nicht mehr ausreicht, um nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Dazu passt auch sehr gut der doppeldeutige Titel: "Mensch! Was machst du!".

Das Anliegen von Christine Gradl ist nicht neu. Bertolt Brecht hat es in einem Lied aus dem Zyklus Wiegenlieder 1932 für die Nachwelt festgehalten. Natürlich waren damals die Armutsverhältnisse anders, aber manchmal denke ich, dass in unserer Zeit, in der genügend Reichtum vorhanden ist, Armut keinen Platz in der Gesellschaft haben dürfte. Deshalb zitiere ich hier die letzte Strophe, weil aus urheberrechtlichen Gründen nicht der gesamte Liedtext zitiert werden darf, in der Hoffnung, dass sich die Welt für unsere Kinder bald verbessern wird.

 

"Als ich dich in meinem Leibe trug

Sprach ich leise oft in mich hinein:

Du, den ich in meinem Leibe trage

Du musst unaufhaltsam sein."

Bertolt Brecht: „Wiegenlieder“, 1932

Komposition 1932, Hans Eisler

 

 

 © GOO, April 2013

 

Ein kluges, lesenswertes Buch

 

Mit Spannung habe ich auf ein neues Buch von Christine Gradl gewartet. Dass es diesmal keine Reise – sei es in nahe oder ferne Länder, sei es ins Innere – beschreibt, ist eine Überraschung. Ein weises, ein beinahe philosophisches Buch, das sich evident von gemeinhin bekannten, gut gemeinten und mit großem Aufwand in den Medien beworbenen Ratgebern unterscheidet. Erkenntnisse aus erster Hand ersetzen auf statistische Daten oder empirische Erhebungen basierende second-hand-Wissensvermittlungen von Fachautoren.

Das Titelbild dieses kleinen Werkes zeigt eine Frau, die nicht weit vom Gipfelkreuz ihres Leben entfernt, Rückschau hält. In dieser Höhe erweitert sich das wahrgenommene Spektrum: Eine reife Frau, längst selbst mehrfache Großmutter, lässt in einem Resümee Stationen ihres aufmerksam mit-erlebten Lebens passieren. Obwohl dies Leben sich eher abseits von Metropolen entwickelte, erlaubt es dennoch einen globalen Überblick über die Zustände in einem der an materiellen Gütern reichsten Länder Europas .

Christine Gradls im Buch geschilderten Erinnerungen, die vielleicht auch durch Erzählungen von Menschen gestützt werden, denen Sie im Laufe ihres bisherigen Lebens begegnete, reichen von ihrer frühen Kindheit in den Nachkriegsjahren über alltägliche, sehr sensibel rezipierte Beobachtungen ihrer aktuell erlebten Umwelt bis zu fast nüchtern beschriebenen Vergleichen mit Menschen aus anderen Kulturen, denen sie im Verlauf ihrer Reisen begegnete. Meist sind dies ärmere Menschen, von denen sie mit unerwartet herzlicher Offenheit aufgenommen wird, denen sie als Lernende gegenüber steht, die sie als Beschenkte verlässt.

Dieser spannend geschriebenen Essay wird an passender Stelle von kunstvollen eingeflochtenen Haiku in Themenbereiche unterteilt. Besonders beeindruckt war ich vom Haiku „Mutter“.

Fazit: Ein kluges, lesenswertes Buch, das ich hiermit guten Gewissens weiterempfehle.

 © Bio, Mai 2013