High Fossility - Nadja Klinger Ein Buch über einen Chor, der kein Chor sein will. Ein Buch über einen Chor, der sich nicht als Chor fühlt, weil er sich an anderen Chören misst, weil jeder Sänger oder jede Sängerin sich mit anderen Sängern oder Sängerinnen im Chor vergleicht. Ein Chor, in denen die Mitglieder es nicht verstanden haben, sich selbst mit all ihren Stärken und Schwächen einzubringen sondern ihre Stärken und Schwächen von anderen Mitgliedern vorgeführt bekommen. Ich treffe nie einen Ton richtig, ich kann kein Englisch, ich kann nicht singen. Ein Buch über einen Nicht-Kann-Will-Doch-Chor, der trotzdem auf die Bühne geht, der trotzdem vom Publikum akzeptiert wird, obwohl er sich selbst nicht akzeptiert. Ein 60+ Chor eben und ich bin auch noch Mitglied in diesem Trotzdem-Chor. Aber ich bin später dazu gekommen und für mich war das Buch von besonderem Interesse.

Nadja Klinger lässt Reinhard, Annette, Mona, Ute, Bernd und Marianne, Michael und Birgit, ... nacheinander auf die Bühne treten. Die Biographien türmen sich zu einem Berg auf. Ganz oben steht der Chor und stampft den Rhythmus zu We Will Rock You. Probleme mit dem Alter? Ja und nein. Probleme mit der Gesundheit? Lässt sich nicht vermeiden. Probleme mit der Stimme? Jeder hat sein eigenes Schicksal. Aber die Figuren drehen sich nicht nur um sich selbst. Das hat mir besonders gut an dem Buch gefallen: nachdem die Aufstellung fertig ist, beginnen die Figuren miteinander zu singen, zu tanzen, zu sprechen, zu interagieren, obwohl es so aussieht, als würden Einzelschicksale geschrieben. Nein, der Berg lebt und stimmt ein vielstimmiges Lied an, das nur noch zu Ende gesungen werden muss.

Nadja Klinger zeigt in ihrem Buch wie jede(r) im Chor er oder sie selbst ist, auch wenn sie oder er anders sein will. Es ist ein Buch über das Altwerden, keine Frage. Es ist ein Buch über die Wünsche und die Widersprüche. Es ist ein Buch über die Grenzen und den Versuch, sich ein Visum für die terra incognita ausstellen zu lassen. Dies bekommt man im Chor umsonst und ohne umständliche Formalitäten.  Es ist ein Buch über einen Chor, eine Gesamtheit, die mehr ist als die Summe der Individuen. Der Chor ist nicht nur Mittel zum Zweck sondern der Zweck selbst und dies spiegelt sich in den einzelnen Mitgliedern immer wider.

 

© GOO, März 2014