Sind es Erfinder oder etwa nur mit einer Erfindung in Zusammenhang stehende Menschen, die der Menschheit als Vorbild dienen sollen, wenn es darum geht, etwas Neues, Einmaliges zum Zwecke des Geldverdienens zu schaffen? Diese Fragestellung sei in Zeiten, in denen Geldverbrennen eher angesagt ist, erlaubt. Der Vorübergehende wusste darauf keine Antwort, und es machte ihm auch nichts aus, als er die schöne Tür vor sich sah, auf der eine fast ein Meter große Thermoskanne zu erkennen war, die dem Inhaber dieser Tür eine besondere Ästhetik bescheinigte.

 

Die Tür                                                                Gedenktafel          

 

Doch bevor große Ideen ihre Serienreife erlangen, muss der Weg dafür bereitet worden sein, der uns zunächst nach Schottland führt. Hier erblickte im Jahr 1842 ein gewisser James Dewar das Licht der Welt. Er war kein Unbedeutender beim Wettlauf um die Kälte, gelang es ihm doch, 1897 Fluor zu verflüssigen und 1899 sogar bei 14 Grad Kelvin Wasserstoff erstarren zu lassen. Eine Meisterleistung, die, obwohl mehrmals vorgeschlagen, nicht die entsprechende Würdigung durch die Verleihung des Nobelpreises fand. Viel wichtiger als das Ergebnis ist die Verpackung, in der das Ergebnis seinen Aufbewahrungsort findet. Und was soll mit all den verflüssigten Edelgasen anfangen werden, wenn sie sofort wieder in ihren ursprünglichen Aggregatzustand bei Zimmertemperatur zurückkehren, sprich: sich wieder verflüchtigen?

So machte James Dewar vielleicht eine bahnbrechende Erfindung, die heute überall auf der Welt ihre Verwendung findet, um Kaltes kalt oder Heißes heiß zu halten, „ohne Feuer und ohne Eis“, um mit Reinhold Burger zu sprechen, der die Thermoskanne als Aufbewahrungsgefäß fürs Volk entwickelte. Das Dewar-Gefäß, ein doppelwandiges, verspiegeltes und zwischen den Doppelwandungen evakuiertes Gefäß dämmt die Übertragung thermischer Energie zu einem anderen Ort, bedingt durch Konduktion, Konvektion und Wärmestrahlung ein. Diese Politik der Eindämmung erhält nachhaltig Warmes warm und Kaltes kalt und würde sich für eine mitnahmeeffektarme Verpackung der heutigen Gesellschaft wärmstens empfehlen.

Doch von solchermaßen spinnerten Ideen war der 1866 in Glashütte/Brandenburg geborenen Reinhold Burger weit entfernt. Er war ein Mann der Tat und nicht etwa ein Mann ohne Eigenschaften, wie ihn noch Robert Musil ein paar Jahre später beschrieb. Er nutzte sein in die Wiege gelegtes Potential wirklich bestens aus, was sein Vater, der Glasarbeiter in dem Ort war, schon frühzeitig erkannte. So zog es ihn schon mit 15 Jahren in die Großstadt Berlin, wo er eine Lehre als Glastechniker absolvierte und anschließend bei Siemens & Halske seine Beschäftigung fand.

Wer glaubt, dass durch Reisen in die USA die eigene Karriere einen Quantensprung vollführen kann und diese Strategie der heutigen Zeit zuschreibt, die Flüge für sehr wenig Geld in das „Reich der Freiheit“ anbietet, sieht sich in der Biographie des Reinhold Burger nicht bestätigt. Auch er nutzte seinen USA-Aufenthalt, um in mehreren Städten dort zu arbeiten, doch ein eigenes Unternehmen sollte ihm versagt bleiben. Mag sein, dass Reinhold Burger nur vergessen hatte, mit seinen Rücklagen zu spekulieren, um die spontane Geldvermehrung in Gang zu setzen, so wie es heute die großen Banken vom Kaliber Goldman Sachs den Zurückgebliebenen in aller Deutlichkeit täglich vormachen.

Vielleicht war es sein USA-Aufenthalt, der ihm in Berlin den Geldgeber für seine Tatkraft zuspielte, damit er 1894 seine eigene Firma „R. Burger & Co.“ gründen konnte, in der er Laborgefäße, Thermometer und Materialen für die Schule produzierte. Jedenfalls lässt das Portfolio erahnen, dass Burger ein gebildeter Mensch war, weit weg von jeder Spekulation, der sein Wissen und seine Tatkraft in den Dienst der Forschung und der Bildung stellte. So nimmt es auch nicht Wunder, das er es war, der Conrad Röntgen mit der Entwicklung der Röntgenröhre zum allerersten Nobelpreis 1901 in Physik verhelfen konnte und nach dem eine in der Nähe seines Wohnhauses in der Wilhelm-Kuhr-Straße 3 in Berlin-Pankow gelegene Oberschule seinen Namen trägt.

Reinhold Burger erscheint wie das Helferlein aus dem bekannten Comic, das mit seinen Entwicklungen den Strom der Zeit weiterbewegen konnte, ohne dabei direkt im Lichte der Zeit dem Publikum zu erscheinen. Dennoch war seine Tüftelei mit Erfolg gekrönt, als er 1903 das Patent für das volkstaugliche Dewar-Gefäß, anmelden konnte. Dabei half ihm ein Auftrag von Carl von Linde, der zu dieser Zeit Transportbehälter für verflüssigte Luft benötigte. Dass Dewar die Bemühungen Burgers um das Isoliergefäß geräuschlos akzeptieren würde, war damals wie heute nicht zu erwarten. Erwartungsgemäß gewann Burger die gerichtliche Auseinandersetzung, was unter den heutigen EU-Bedingungen aussichtslos gewesen wäre.

Seit 1904 ist das Wort Thermosflasche oder Thermoskanne als Warenzeichen geschützt und darf von anderen nur Isolierkanne genannt werden oder besser Dewar-Gefäß nach seinem Erfinder. Das Wort Thermosflasche war übrigens das Resultat eines Preisausschreibens, weil Burger auf der Suche nach einem Markennamen für sein Produkt war, das ein Münchner Bürger mit dem aus dem griechischen abgeleiteten Begriff für sich entscheiden konnte.

Damals wie heute hat man als Kleinunternehmer die gleichen Probleme: Leihkapital bekommt man nicht von leihunwilligen Banken, denen das Risiko zu groß ist. Also fertigt man einen Prototyp an und versucht dann, das dazugehörige Patent gewinnbringend zu verkaufen. Manchmal macht man auch eine kleine Firma auf, die den Prototyp serienreif produziert, bis die Großen aufmerksam werden und die kleine Fabrik kaufen, damit sie den technologischen Vorsprung entsprechend verwerten können. Schließlich handelt es sich bei dieser Art von Menschen um Entwickler und nicht um Buchhalter. Sie profitieren zwar von ihrer kreativen Tätigkeit und lassen sich auf Weltausstellungen für ihre Entwicklungen mit Preisen auszeichnen. Dies hilft ihren Geschäften aber nur in dem Maße, wie es die Buchhaltung der großen Kapitalbesitzer zulässt.

Das wusste auch Reinhold Burger und so verkaufte er letztendlich die 1906 gegründete Thermos GmbH im Jahre 1909 für 495.000 RM an die eigens dafür gegründete Berlin-Charlottenburger Thermos AG. Die Auslandsrechte hatte er schon 1907 an die amerikanische Firma Thermos Bottle Company veräußert, die das Produkt weiterentwickelte und wesentlich besser vermarkten konnte, so dass im englischen Sprachgebrauch der Begriff „thermos“ nicht nur Markenname sondern allgemeiner Sprachgebrauch für das sehr nützliche Isoliergefäß ist.

Dass die amerikanische Firma mit großem Stolz über ihr Produkt zu berichten weiß, ist unter den gegeben kapitalistischen Bedingungen einer Totalvermarktung nichts Außergewöhnliches. Schließlich gehörte Klappern schon immer zum Handwerk. Ob allerdings die Forschungsreisen eines E.H. Shackleton zum Südpold, oder aber die Forschungsreise eines Robert E. Peary zum Nordpol als entsprechende Geräuschkulisse für die Thermoskanne herhalten kann, mag dann doch bezweifelt werden, wären da nicht die Gebrüder Wright und der Graf Zeppelin gewesen, die das kommerzielle Dewar-Gefäß lufttauglich gemacht haben. Noch heute wirbt die Firma mit dem Werbespruch auf ihrer Homepage: „Wenn sie thermos sagen, wissen sie, was sie erwartet – wir liefern es so, wie sie es niemals erwartet hätten.“ Und spätestens jetzt müsste jedem Muffelkopp in Old Germany klar sein, was zu einer Totalvermarktung gehört: Bücher, DVDs, T-Shirts, Internetblogs, Internetgezwitscher, Internetauftritt: „Gestatten, mein Name Thermoskanne!“.

Darüber hinaus ist eine Verpackung für Kälte oder Wärme umso schöner, je gediegener das Behältnis. Und so findet man im Brooklyn Museum Thermoskannen designed von Henry Dreyfuss, die wohl in ihrer abstrakten, dysfunktionalen Formschönheit kaum verbessert werden können und damit nicht ohne Grund im Museum ausgestellt sind. Leider hat die Modern Art of America schon einige Dosensuppen auf die Leinwand gebracht, auch Ursprüngliches, was heute fast jede Plastiktüte ziert, aber die Thermoskanne als Formschönheit war bis dato noch nicht darunter. Vielleicht kommt es ja noch, jedenfalls kann sich der entsprechende Künstler in der Wilhelm-Kuhr-Straße 3 davon überzeugen.

Reinhold Burger verstarb am 21. Dezember 1954 in Berlin, einem denkwürdigem Jahr, das nicht nur den Sieg der Viet Minh über die französischen Kolonialherren und die Teilung Vietnams hervorbrachte sondern auch die Fastfood-Kette Burger King, die in Miami zum ersten Mal ihre Kunden beköstigen durfte und deren Name nichts mit dem Entwickler der Thermoskanne – sorry, Isolierkanne – zu tun hat.

© goo, Juli 2009