„Eine geschlagenen Stunde warte ich auf dich! Pünktlichkeit ist eine Tugend!“, rief ich ihr vorwurfsvoll entgegen, als wir uns am Eingang zur Brunnenstraße am Rosenthaler Platz trafen. „Diese englische Übersetzung ist nicht so leicht, wie ich dachte!“ gab sie als Entschuldigung an. „Englisch? Ich wusste gar nicht, dass du das kannst!“, antwortete ich, woraufhin sie nur eine kurze schnippische Frage für mich übrig hatte: „Und wozu gibt es Dictionnaires?“

Was aus einem Satz wie: „... Denn schon kaum zur Welt geboren, belog das Leben dich und die Gesetze ... Erst läßt man dich nicht du selber werden, dann schiebt man die Verantwortung dir zu vor dem Staat, der selbst aller Verantwortung sich losspricht von dir.“ werden kann, wenn man ihn anhand von Wörterbucheinträgen übersetzt, kann man heute mit Übersetzungsprogrammen im Internet simulieren: „... For even hardly born to the world, lied to the lives of you and the laws ... Only one does not make you you yourself, then one pushes the responsibility to you to before the state, even of all responsibility itself releases from you.“.

 

 

Wir bleiben alle

 

 

Wälder müssen weichen, Sandwüsten bleiben, deren geplante Bebauung man nur deshalb initiierte, um das Geld in der Stadt zu halten. Ob es den Menschen von Nutzen war, die hier in Neu Voigtland lebten, muss jedenfalls zu einem gewissen Zeitpunkt bestritten werden, denn damals unterschieden sich die Strategien einer Kapitalverwurstung nicht wesentlich von den heutigen. So kann man getrost davon ausgehen, dass sich die Politik ebenfalls derselben Mittel bediente.

Inwieweit die Brunnenstraße derart gentrifiziert ist, wie man es vom aktuellen In-Viertel Prenzlauer Berg her kennt, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber zu hässlichen Verhältnissen gehören auch hässliche Worte über die auch aufgehübschte Fassaden nicht hinwegtäuschen können. So sind die blühenden Landschaften der Brunnenstraße von außen sicherlich sehr schön anzusehen, wenngleich sie möglicherweise von innen her  recht marode sein mögen und die Bewohner inzwischen andere Maßnahmen getroffen haben, um sich über Wasser zu halten.

„Sehr schön ist es geworden!“, brachte sie bewundernd hervor, und ich konterte: „Aber was du damals geschrieben hast, gilt heute noch: „Wenns gegen den Feind geht, dann findet Ihr sie in ihren Schlupfwinkeln, dann zieht der Staat ihnen Montur an und läßt sie in Reih und Glied aufmarschieren! Wenn der Landesvater will losdonnern, dann sind sie Euch gut als Futter für die feindlichen Kanonen. Was davon heimkommt, und selbst nach Futter schreit, das betrachtet ihr als Hefe des Volkes, und laßt es wieder im alten Schlamm versinken ... muckt es, so wird man seiner schon Herr werden!“, und ich war ein wenig stolz, dies ich aus ihrem Buch zitieren zu können.

„Aber deswegen sind wir ja nicht hier!“, versicherte ich ihr gleich darauf. Inzwischen waren wir an der Ecke Invalidenstraße, Veteranenstraße angelangt und standen vor dem Kaufhaus Jandorf. „Ein Konsumpalast!“, bemerkte ich kurz und wusste nur zu genau, dass sie mit diesem Begriff nichts anfangen konnte. „Ein Kaufhaus, das kurz nach der Jahrhundertwende von Adolf Jandorf gebaut wurde. 1926 kaufte Hermann Tietz den Gebäudekomplex und erweiterte somit seine Warenhauskette. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte er ca. 13.000 Angestellte. Unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wurde die Familie Tietz 1933 enteignet und floh ins Ausland, um der Verfolgung zu entgehen.“

 

Kaufhaus
 

Als sie das hörte wurde sie still. Vielleicht ward sie ja an die Tischgesellschaften ihres Mannes erinnert, in denen antisemitische Hetze an der Tagesordnung war und in denen neben Frauen und Franzosen auch Juden der Zutritt verboten war.

„Ein fürchterlicher Krieg beendete die Nazi-Barbarei und spaltete Deutschland. Es entstanden zwei Deutsche Staaten, die DDR im Osten und die BRD im Westen. Und die Grenze verlief mitten durch Berlin, allseits sichtbar durch eine Mauer, die auch die Brunnenstraße teilte. Das Kaufhaus fand in der DDR Verwendung als Mode-Institut. Hier wurde Kleidung produziert, ausgestellt und auch vorgeführt“, beendete ich meinen kleinen Vortrag. „Dann hat wenigstens dies Gebäude noch eine würdige Bestimmung erhalten “, waren ihre Worte und sie sprach sehr leise und lehnte sich dabei an das Heinrich-Heine-Denkmal im Weinbergspark.

„Dies Denkmal gibt es zweimal in Berlin!“, rief ich ihr zu. „Es wurde vom Bildhauer Waldemar Grzimek geschaffen und sollte ursprünglich neben der Humboldt-Universität stehen, an der Heine an der juristischen Fakultät eingeschrieben war. Den damaligen Auftraggebern war das Denkmal allerdings nicht heroisch genug und so verbannten sie es an den jetzigen Platz. Nach der Wende wurde angeregt, das Denkmal an seinen ursprünglich geplanten Standort zu verlegen, was wegen des Widerstands der Anwohner aber nicht gemacht wurde. Im Jahre 2002 wurde jedoch auf Betreiben eines Sponsors ein Abguss angefertigt, der jetzt am zuerst geplanten Ort in der Nähe des Zeughauses steht. ‚Wir ergreifen keine Idee sondern die Idee ergreift uns und knechtet uns und peitscht uns in die Arena hinein, dass wir wie gezwungene Gladiatoren für sie kämpfen‘ steht auf dem Sockel geschrieben. Dies gilt wohl für alle Zeiten und alle Ideen, gleich welcher Couleur.“

 

Heinedenkmal

 

„Es wandern die Steine!“, murmelte ich in meinen Bart, woraufhin ich von ihr nur ein „Was!“ hörte. „Ja, seit deinem Tod im Jahr 1859 hat sich einiges in der Brunnenstraße geändert. Bereits gegen Anfang des 20. Jahrhunderts mutierte sie zur Einkaufsmeile und wurde auch „Ku'damm des Nordens genannt!“. „Ich hasse Kühe“, war ihre Reaktion und ich konnte sie nur allzu gut verstehen.

„Durch die fortschreitende Industrialisierung veränderten sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal. So organisierten sich die Arbeiter in Parteien, Gewerkschaften und Genossenschaften. Neben Wohnungsgenossenschaften entstanden Einkaufsgenossenschaften, deren Läden man Konsum nannte. Die erste Konsumgenossenschaft nach dem Krieg wurde übrigens nicht weit weg von hier, in der Nähe des Gesundbrunnens gegründet. Die Genossenschaftler waren nicht parteipolitisch oder religiös gebunden, bekannten sich aber zum Sozialismus, der damals von der Arbeiterschaft als einzig richtige Gesellschaftsform gesehen wurde.“. „Dann hat sich ja alles zum Besseren gewendet! So wie wir es auch damals wollten!“, rief sie begeistert aus und ich musste ein wenig lachen, hatte sie doch meine Bemerkungen zum Nationalsozialismus und zur Teilung Deutschlands schon vergessen.

„Mag sein, ich will mir darüber jetzt kein Urteil erlauben. Aber gerade hier in der Brunnenstraße 162 wohnte für kurze Zeit ein sehr interessanter Mann.“. „Du machst mich neugierig!“, antwortete sie und wollte alles wissen. „Nun du weißt ja, dass meine Vorliebe der Mathematik gilt. Und Berlin war nie reich an bedeutenden Mathematikern. Zu deiner Zeit hat zum Beispiel in Berlin ein Bernhard Riemann gelehrt. Ein sehr bedeutender Mathematiker, der sich um die Geometrie verdient gemacht hat. Seine Ergebnisse wurden ca. 60 Jahre später von einem jüdischen Wissenschaftler, Albert Einstein, genutzt, um ein Weltbild auf den Kopf zu stellen: Raum und Zeit sind keine absoluten Größen, sie sind gekrümmt. Und in diesem Haus hier wuchs ein weiterer, sehr bedeutender Mathematiker auf: Alexander Grothendieck.

 

 

Grothendieck
 

Sein Vater, Alexander Schapiro, war Anarchist und betrieb hier in der Brunnenstraße 162 einen Fotoladen. Die Fotografie musst du ja kennen, schließlich wurde sie noch zu deiner Zeit erfunden. Gibt es nicht auch ein paar Fotos von dir? Grothendiecks Vater musste im Jahr 1933 aus den bekannten Gründen Berlin verlassen, während seine Mutter ihm ein Jahr später in das französische Exil folgte. Alexander wuchs indessen in Hamburg unter der Obhut von Pflegeeltern auf, folgte aber 1939 seinen Eltern nach Südfrankreich, wo die gesamte Familie 1940 in ein französisches Internierungslager gebracht wurde. Sein Vater wurde 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau von den Nazis ermordet. Alexander hingegen gelang 1942 die Flucht aus dem Internierungslager, von wo aus er Unterschlupf in dem Dorf Le Chambon-sur-Lignon fand, dessen Bewohner so couragiert waren und Juden vor den Nazis versteckten. Alexander Grothendieck studierte nach Kriegsende , von 1945 – 1948, in Paris Mathematik und verhalf dieser Wissenschaft zu einem Abstraktionsgrad, der vielen Mathematikern noch heute ein Greuel ist. Obwohl seine Forschungsergebnisse mit Sicherheit mehr als eine konsequente Weiterentwicklung der Ergebnisse eines weiteren Mathematikers sind, der auch zu deiner Zeit gelebt hat und leider schon 1832 mit 21 Jahren starb. Es handelt sich dabei um Evariste Galois, eine Ausnahmeerscheinung unter den Mathematikern, weil er mit seinen Ideen der Wissenschaft fast ein gutes Jahrhundert voraus war.“

 

 

AEG

 

„AEG? Wer residierte hier?“, fragte sie nun erstaunt, als wir am AEG Werk angekommen waren. „Das sind die Ergebnisse einer sich rasant entwickelnden Industrialisierung. Elektrische Maschinen zu bauen, hatte sich Emil Rathenau zum Ziel gesetzt und er wurde damit auch sehr reich. Nachdem anno 1879 in Amerika durch Edison die Glühlampe erfunden wurde, gewann die Elektrizität als Energieform immer mehr an Bedeutung. Angespornt von den Erfolgen in Amerika gründete Emil Rathenau sein erstes Glühlampenwerk und expandierte relativ rasch. 1887 benannte er seine Firma in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft um und erweiterte seine Betriebe durch Produktionsstätten in der Ackerstraße und um diese hier, um elektrisch angetriebene Maschinen zu bauen. Beide Fabriken waren unterirdisch mit einem Tunnel verbunden, in dem eine elektrisch betriebene Bahn fuhr, um Arbeiter und Material zwischen beiden Werken zu transportieren. Vielleicht könnte man in dieser Konstruktion ja den Prototyp der heutigen U-Bahn sehen, mit der du ja auch zu unserem Treffpunkt gekommen bist. Das „Beamtentor“, wie dieser repräsentative Werkseingang auch genannt wird, wurde übrigens 1896 errichtet. Die damaligen Schlösser wurden von den Industriebaronen gebaut, heutige Schlösser werden von Finanzbaronen gebaut und bewohnt, aber das steht auf einem anderen Blatt.“

„Das ist doch alles recht schön hier, nicht vergleichbar mit meiner Zeit. Deinen Pessimismus kann ich überhaupt nicht verstehen!“, sagte sie zu mir mit etwas vorwurfsvoller Stimme. Ich aber wollte schnell weiter, um das angenehmere andere Ende des „Ku'damms des Ostens“ zu erreichen, den Humboldt-Hain am Gesundbrunnen.

 

Humboldhain
 

„Lass uns ein wenig auf dieser Bank ausruhen!“, hörte ich sie sagen, und das war mir mehr als recht, waren wir doch am Ende unseres Spaziergangs angelangt. „Sehr schön, der Humboldthain, oder? Er wurde 10 Jahre nach deinem Tod, zum 100. Geburtstag Alexander von Humboldts als Volkspark angelegt. Er starb übrigens kurz nach dir im Mai 1859. Ich weiß gar nicht, wie viele Parks es in Berlin gibt, aber bestimmt sind es mehr als in London. Sicherlich ein sehr ehrwürdiges Denkmal für den berühmten Naturforscher. Ihr habt euch beide sehr gut gekannt und wart Streiter für die Menschlichkeit. Habt ihr euch nicht für Ludwick Mieroslawski eingesetzt, damit er nicht an den Zaren ausgeliefert wurde, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte? Euch ging es immer um mehr als um den kleinlichen Vorteil. Menschen Eures Schlages haben sich heute rar gemacht, weil alle unter demselben gesellschaftlichen Gravitationsgesetz leiden, das in diesem Fall nicht die Raum-Zeit krümmt sondern ihr Rückgrat.“ So waren meine letzte Worte. Doch als ich mich ihr wieder zuwenden wollte, da war sie auch schon in Richtung S-Bahn-Station Gesundbrunnen unterwegs, um dort in der Unterwelt zu verschwinden. - Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ahnen Sie, mit wem ich die Brunnenstraße entlang gegangen bin?

 

 

Unterwelt

© Text: goo, Fotos: BiO, August 2009