Paul Nipkow: Das Bild durch eine löchrige Scheibe

 

 

Was Paul Nipkow als Student erfand, war für das technische Zeitalter nur bedingt tauglich, aber wegweisend für all diejenigen, die keinen Dialog erlauben. Ob sie dies nun bewusst oder unbewusst taten, spielt in einem solchen Zusammenhang keine Rolle. So haben die Nationalsozialisten sicherlich mehr als nur ein paar "gute Gründe" ins Feld führen können, um die Entwicklung des Fernsehens als modernen Propagandaapparat zu fördern und all denjenigen Ariern Ehre zu Teil werden zu lassen, die sich für diese Entwicklung stark gemacht haben.

Was Vilém Flusser als Merkmal einer autoritären Gesellschaft beschreibt, welche formale Verfassung diese auch haben mag, ist vielleicht vom Standpunkt des Technikers aus betrachtet bedeutungslos und sollte in einem Artikel über Paul Nipkow nicht erwähnt werden. Allerdings sind die nachträglichen Ehrungen, die Paul Nipkow durch die Nationalsozialisten erfuhr, ein Beispiel für die These von Flusser, dass in autoritären Systemen als sichtbares Zeichen der Informationsarmut der Diskurs gegenüber dem Dialog überwiegt.

1935 wurde der erste öffentliche Fernsehsender, der ein regelmäßiges Fernsehprogramm übertrug und durch die von Manfred von Ardenne entwickelte elektronische Bildabtastung überhaupt erst möglich war, in Betrieb genommen. Der Fernsehsender trug nicht nur Nipkows Namen sondern auch alle Hoffnungen der Nationalsozialisten auf effiziente Gehirnwäsche und militärische Nutzung – die Fernsteuerung der mit einer Kamera bestückten Bomben oder Raketen gelang erst 1943, als man die Miniaturisierung soweit vorangetrieben hatte, dass die Geräte eine kompatible Größe aufwiesen.

 

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Der Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky formulierte es so: „Nun ist die Stunde gekommen, in der wir beginnen wollen, mit dem nationalistischen Fernsehrundfunk Ihr Bild, mein Führer, tief und unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“. Allerdings wussten die Nazis noch nichts von der Entropie einer Information. Erst Flusser konnte theoretisch nachweisen, dass es für derartige Informationen, die die Nazis im Sinn hatten, es einer sehr großen Menge an irreversibler Energie bedarf. Deswegen wundert es nicht, dass es mit der Durchführung des Projekts: Massenpropaganda im Wohnzimmer haperte. 1936 konnten ca. 90.000 Berliner in den Fernsehstuben – eine Erfindung, die wir heute in Zeiten des Bezahlfernsehens wiederfinden, wenn es um die Übertragung etwa von Fußballspielen geht – in die Röhre gucken und 1939 plante man den Fernseh-Einheitsempfänger FE1 für ca. 650 RM, zuviel Geld für die Masse der Bevölkerung.

 

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Hätten die Nazis schon damals um die Bedeutung von Technobildern gewusst, so wäre ihnen klar gewesen, dass das Bild des Führers nicht eine zweidimensionale Projektion eines realen Bildes sondern ein Code höherer Stufe ist, der komplette Texte ersetzen kann. Schließlich hat Flusser schon vorhergesagt, dass das Alphabet als dominierender Code von Technobildern abgelöst wird und der Mensch in einer derartigen Gesellschaft eine andere Vorstellung von Raum und Zeit entwickelt.

 Zu dieser Zeit konnte Paul Nipkow auf kein erfülltes Berufsleben zurückblicken. Nach dem Abbruch seines Studiums fand er Anstellung in der Signalbauanstalt Zimmermann und Buchloh in Berlin und wurde schon 1919 mit 59 Jahren in den Ruhestand geschickt: wegen Arbeitsmangels – einen Vergleich mit unseren heutigen Verhältnissen kann ich mir in diesem Zusammenhang ersparen.

Doch zurück zu Nipkows Idee, der Nipkowscheibe, die er am Heiligen Abend 1883 erfand und 1885 zum Patent anmeldete. Die Vermarktung kam allerdings nicht in Gang, weil keiner so recht wusste, in welchem Apparat die Scheibe sich gewinnbringend drehen sollte. Die Zeit war noch nicht reif für das Fernsehen. Die ersten Schritte in diese Richtung wurden nach dem 1. Weltkrieg unternommen und so verfiel Nipkows Patent mangels Interesse nach 15 Jahren.

Als der Schotte John Logie Baird 1924 erstmalig eine Fernsehübertragung zu Wege brachte, war der Weg für diesen Entwickler klar. Er stellte 1932 den TELVISOR vor. Eines der ersten Fernsehgeräte, in dem er für den 30-Zeilen-Bildaufbau eine Nipkowscheibe benutzte.

 

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Der Heilige Abend scheint in der Entwicklung des Fernsehens schon deshalb eine entscheidende Rolle zu spielen, weil Manfred von Ardenne Weihnachten 1930 die erste vollelektronische Fernsehübertragung gelang. Eine weitere Parallele des genialen Erfinders mit Paul Nipkow ist, dass er nicht nur die Schule abbrach sondern ebenfalls das Studium, um sich seinen physikalischen Forschungen im selbst gegründeten „Forschungslaboratorium für Elektronenphysik“ zu widmen.

 

 

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Paul Nipkow erlangte 1936 die Ehrendoktorwürde der Johann Wolfgang Goethe-Universität zu Frankfurt am Main und wurde 1940 in Berlin-Pankow im Rahmen eines Staatsbegräbnisses – natürlich vom Fernsehen übertragen – beigesetzt. Die „Berliner Gedenktafel“ in der Parkstraße erinnert an seine Lebensleistung: die Nipkowscheibe.

 

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So ist die Nipkowscheibe im meinem eigenen Kopf dafür verantwortlich, dass ich die Wirklichkeit in dem Ausschnitt anschaue, wie sie mir durch das Loch in der Scheibe gewahr wird. Meinen festen Standpunkt nicht verlassend kann ich nur darauf hoffen, dass sich die Scheibe ein klein wenig weiterdreht, damit ich einen anderen Ausschnitt sehe und aus diesen Versatzstücken die Wirklichkeit genauer interpoliere. Allerdings sollte sich die Scheibe nicht so schnell drehen, wie das bei der Nipkowscheibe sein muss, um alle Versatzstücke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ich befürchte, dass in diesem Fall nur meine Bewusstlosigkeit als Resultat übrig bliebe. Oder haben wir Menschen in einem solchen Fall einen natürlichen Selbstschutz? So könnte, wie im Falle der Nipkowscheibe die Trägheit des menschlichen Geistes den Zustand der Bewusstlosigkeit verhindern und das Gesamtbild der Wirklichkeit – vielleicht sogar verschwommen – vor dem geistigen Auge entstehen lassen.

 

© Bilder: bio (1), GOO (5); Text GOO, Februar 2010