Die Sprache des Clowns besteht aus Gesten, Rhythmik und Lauten. Die Gesten verstärken die Laute, die Laute formen die Gesten, die Rhythmik fügt alles zusammen zu einem Gesang, den nur wenige so gut beherrschen wie Dario Fo. Commedia dell'Arte heißt das uralte Lied, und wer zum Beispiel den Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen gelesen hat, der kennt die Lyrik dieses Liedes. Es ist der Humor, der aus dem Teil des Volkes kommt, der eigentlich ständig Grund zum Klagen hätte.

Ich habe kürzlich eine 60-jährige Frau kennengelernt, die Hartz IV bezieht und materiell mit der Unterstützung, objektiv betrachtet, gar nicht über die Runden kommen kann. Sie hat schon mehrere Kredite vom JobCenter bekommen und sich immer wieder aufs Neue bemüht, neue Arbeit zu finden. Doch als 60-jährige ist das in Deutschland aussichtslos. So hat diese Frau nach erfolgreicher Umschulung zur Betreuungskraft und mehrmonatigem Praktikum als Ein-Euro-Kraft sich in einem Seniorenheim vorgestellt. „Wie alt sind Sie?“; „60!“; „Dann können Sie sich doch direkt danebenlegen!“. Wir haben alle gelacht!

Dieser Humor ist genau von der Art, die vielleicht auch stets eine Faszination auf Franca Rame und Dario Fo ausgeübt hat. Denn er ist genau das Element, das verhindert, dass man sich durch die Macht der Mächtigen und die eigene Ohnmacht dumm machen lässt. Oder, wie Franca Rame es einmal gesagt hat:

 Franca Rame, Dario Fo

Wir glauben, dass Klagen falsch ist. Du weinst, gehst traurig nach Hause, sagst: ‚wie schön hab ich geweint‘, und schläfst erleichtert ein. Nein, wir wollen Euch zum Lachen bringen... . Es öffnet sich nicht nur der Mund beim Lachen, sondern das Gehirn. Und ins Gehirn können Nägel der Vernunft eintreten. Ich hoffe, dass heute Abend einige Leute mit Nägeln im Kopf heimgehen... .“

 

So werden die machttrunkenen Witzfiguren der aktuellen Geschichte, ob sie Silvio Berlusconi, Guido Westerwelle oder George W. Bush heißen, auf die Bühne gebracht, damit das Volk über ihre Dummheit lacht, so wie im 17. Jahrhundert das Volk über den Sonnenkönig lachte, als Wandertruppen die italienische Volkskomödie, von Venedig und Neapel ausgehend, in ganz Europa verbreiteten.

Leider konnte Franca Rame nicht im BE zur gemeinsamen Buchvorstellung erscheinen, sie war kurzfristig erkrankt. Also hat der fast 84-jährige Fo die Vorstellung alleine bestritten, und dies mit Bravour. Über das Buch hat er nicht gesprochen; dafür aber „Grammolo“, eine clowneske Kunstsprache. Das Gelächter im Saal hätte man bestimmt auch im benachbarten Admiralspalast hören können. Weitere Statisten in Fos Vorstellung waren: Zwei BE-Schauspieler, ein Übersetzer und Claus Peymann.

 

 

Dario Fo

 

 

Manche Menschen reagieren sauer, wenn Sie zum Statisten degradiert werden, andere wiederum merken, dass sie Teil der Aufführung sind und spielen mit. Als Fo gerade mitten in den komödiantischen Vorbereitungen zu einer Spezialvorführung auf „Englisch“ (das er, seinen Angaben zufolge, überhaupt nicht beherrscht) ansetzen wollte, eilte Peymann herbei, unterbrach ihn und wandte sich erklärend zum Publikum: „An dieser Stelle eine kleine Unterbrechung: Hören wir uns wieder eine Passage aus Franca Rames Biographie an!“ Danach verließ Dario Fo pikiert die Bühne. Hinterher stellte sich heraus, dass Peymann eine Vergewaltigungsszene aus Franca Rames Buch vorlesen lassen wollte. Sehr passend zu Fos Spezialvorführung, in der es ebenfalls , wenn auch indirekt, um eine Vergewaltigung ging. – Mit dem Aufstand, dem wütenden Gebrülle des Publikums („Wei-ter-ma-chen!!!!“) hatte Peymann dabei allerdings nicht gerechnet. Vielleicht hatten wir (Birgit und ich) und das Publikum da schon längst die oben zitierten Nägel im Kopf, von denen Franca Rame sprach. Als wir nach der Vorstellung wie leicht beschwipst nach Hause gingen, schauten wir uns immer wieder an und lachten. Übrigens sollten an diesem Abend die beiden Bücher „Ein Leben aus dem Stegreif“ von Franca Rame und die 2008 erschienene Biographie Fos „Die Welt, wie ich sie sehe“ vorgestellt werden.

 

 

Dario Fo

 

 

 

© bio & GOO, Feb. 2010