Drei Ebenen, systematisiert nach Himmelsrichtungen, ganz oben Ost-West, ganz unten Nord-Süd und in der Mitte ist der Eingang zum Hauptbahnhof. Der größte Bahnhof Europas ist er nicht geworden, weil in Zeiten der Umstrukturierung für derlei Potenzgehabe kein Raum mehr ist. Aber der größte Turmbahnhof Europas ist er dennoch, der eine Milliarden Euro schwere Berliner Hauptbahnhof, wo damals der denkmalgeschützte Lehrter Stadtbahnhof stand, der nach der Teilung Berlins der letzte Bahnhof im Westen war und keine große Bedeutung mehr hatte. Wer wollte damals schon freiwillig in den Osten – im Gegensatz zur heutigen Zeit?

 

 

Eingang

 

 

Ein markantes Gebäude fürwahr. Entworfen von Meinhard von Gerkan, erinnert es mich an das Etagenbett meiner Kindheit. Und so frage ich mich, staunend, bewundernd, fast außer mir vor lauter Emotionen, wer hier in diesem riesigen Etagenbett schläft, wenn alles still geworden ist und kein Zug mehr dem Bahnhof einen Besuch abstattet, sei es hoch oder tief, wie es so schön auf den Fahrplänen heißt, um den Schläfer durch die quietschenden Bremsen, die fast brüchigen Achsen oder andere Mängel, die im Laufe der Zeit an der Flotte der DB festgestellt wurden, zu stören.

 

Betrete ich den Eisenbahntempel, bin ich vorsichtig: vielleicht löst sich der ein oder andere Träger, der nicht ordnungsgemäß installiert wurde, weil man Geld sparen wollte; schließlich hat Herr Mehdorn einst Anderes im Sinn gehabt, als den Bahnhof 100-prozentig nach den Plänen des Architekten bauen zu lassen. Vielleicht verderben mehrere Köche den Brei, aber mein Etagenbett damals im Kinderzimmer hatte keine vergleichbar pompöse Dachkonstruktion. Ich glaube sogar, dass das Dach des Hauptbahnhofs, statisch gesehen, eine Meisterleistung ist, so wie die Kuppel des Pantheon in Rom. Die allerdings wurde ohne Integrale, Differentiale oder andere mathematische Modelle berechnet und nicht vorab durch den Computer simuliert und virtuell aufgebaut. Um zu sehen, dass das Dach auch bei einer Schneelast von – sagen wir einmal: xy kg/cm2 – stabil bleibt, sind etliche Zusatzstreben notwendig, die das Dach auch dann noch halten, wenn ordentlicher Druck auf es ausgeübt wird. Wer will heute noch die Stabilität des Daches anzweifeln, hatten wir nicht gerade einen langen, sehr schneereichen Winter. Sind nicht schon einige Dächer in der Republik nahezu dem Boden gleich gemacht worden, nur weil über Nacht zu viel von der weißen Pracht gefallen ist?

 

 

Dach

 

 

Doch das ist hier kein Problem. Alles hat gehalten, und dies, weil Herr Mehdorn vielleicht gerade an dieser Stelle Kürzungen vorgenommen hat. So können wir nur von Glück sprechen, dass anno 2007, an einem Donnerstag in der Nacht, nur ein paar Eisenträger durch den Orkan Kyrill aus der Verankerung gelöst wurden und Richtung Erdmittelpunkt strebten. Auch ein zweiter Träger hatte sich damals, es war am 19. Januar 2007, gelöst und ein dritter hatte sich sogar verkeilt; die Feuerwehr war ratlos, rief den Ausnahmezustand aus und Herr Mehdorn ließ nach den Ursachen forschen. Der Architekt soll an allem schuld gewesen sein! Das konnte ich damals schon nicht glauben, denn derjenige, der ein solch großartiges Etagenbett entwerfen kann, der kann nicht schlecht sein!

 

Doch zurück zum Dach, denn das hat mich überrascht. Die Konstrukteure haben eine Photovoltaikanlage integriert. Was das der Deutschen Bahn pro Jahr an EEG-Subventionen einbringen wird? Ein merkwürdiger Kreislauf wird sichtbar. X zahlt an Y Geld, damit dieser die Rahmenbedingungen günstig setzen kann, um die Energiewende zu beschleunigen. Dafür bekommt jeder von Y Geld, der sich alternative Energiequellen ins Haus holt. Nun werden sie sicherlich sagen, dass dies vollkommen okay ist, kommt es doch denen zugute, die in die Zukunft investieren. Und, warum soll das nicht auch einem Teil von Y zugutekommen, der von uns allen finanziert wird? Ja, hätte ich als Kind schon eine geeignete Geschäftsidee gehabt – meine Eltern hätten nicht nur das Etagenbett bezahlt sondern noch Sonderabgaben an mich dafür, dass ich jede Nacht darin schlafe.

 

Noch an Vielem hat Herr Mehdorn damals gespart. Die geplante gewölbeförmige Decke im Untergeschoss ist durch eine Flachdecke ersetzt worden. Die Dachkonstruktion ist verkürzt und die Züge sind mangelhaft gewartet worden, was hier natürlich nicht hin gehört. Kein Wunder, dass Mehdorn seinen VEB mit aller Macht privatisieren wollte, der Steuerzahler wäre ja sowieso für die Kosten der Sanierung aufgekommen.

 

Abends bin ich als Kind immer an den seitlichen Streben meines Etagenbetts nach oben gestrebt, um meine Ruhe zu finden. Sie können sich vorstellen, dass auch dieser Bahnhof ohne solche Streben, die als tragende Säulen überall zu finden sind, nicht auskommt. Beeindruckend ist die Größe, die Stärke dieser Bauteile. Hoffentlich ist am Material nicht gespart worden, ansonsten kracht die ganze Konstruktion in sich zusammen und obendrauf liegt dann das ehemals freitragende Dach. Die Solarzellen kann man dann wohl auch nicht mehr gebrauchen. Jedenfalls wird eine Sanierung dieser Säulen nicht gerade billig werden, denke ich mir.

 

 

Traeger

 

 

Eines fehlt natürlich: die Einbindung des Bahnhofs in das Stadtgeschehen. Konsum, Konsum, Exklusivität! All das muss der Besucher Berlins vermissen, wenn er in dieser Wüste ankommt. Kein Bahnhofsviertel erwartet ihn hier mit Bordellen, Nachtclubs, Spielhöllen und dunklen Typen an jeder Ecke. Dafür aber ein Einkaufszentrum im Bahnhof mit allem, was man für die Reise braucht oder auch nicht braucht und nun schon zum vierten Mal das chinesische Neujahrsfest (die Zukunft liegt im Osten!) – leider wird es nicht ganzjährig gefeiert. Schnell in die S-Bahn oder die inzwischen fertiggestellte Kanzlerinnen-U-Bahn – und ab in die City – aber die im Osten! Hier befindet sich ja auch der älteste und exklusivste Teil der Stadt: Unter den Linden, Friedrichstraße (nein, ich meine nicht deren armseligen Wurmfortsatz im Westen!), Alexanderplatz – und abends in die Kneipen, Puffs, Clubs auf dem Prenzlauer Berg oder was sonst im schönsten Teil Berlins an so vielen Ecken zu finden ist.

Ein gerade auf dem Reißbrett entstehender Bebauungsplan des Senats sieht auch hier, am Hauptbahnhof, so einiges vor, was sich später einmal sehen lassen wird oder aber einfach in der heute vorherrschenden Fertigteile-Standardarchitektur untergeht.

 

 

 

Stelzen

 

Was macht eigentlich H.M.? Damals, bei der Einweihung am 26. Mai 2006, funktionierte es nicht mit dem roten Knopf, der, von ihm gedrückt, den Bahnhof zum Leben erwecken sollte. Die Kanzlerin hatte gelacht und H.M. guckte verblüfft in die aufgestellten Kameras, wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeug kaputt gemacht hat. So verblüfft etwa wie 2002, als er eine Befragung durchführen ließ. Wie soll mein Prachtstück heißen? Leider waren über 70% damals der Meinung, dass man den alten Namen beibehalten sollte. Und so hat mein Etagenbett einen Doppelnamen bekommen: Berliner Hauptbahnhof – Lehrter Bahnhof. Ich kenne die Gründe. Wie sie vielleicht wissen, besitze ich selbst einen Doppelnamen.

War H.M. 2008 noch die Nummer zwei auf der Hitliste der deutschen Spitzenmanager, so erwischte ihn kurz darauf das Scheitern seiner Börsenvision. Nun obliegt es anderen, sein Werk fortzusetzen. Immer wieder dieser H.M., werden Sie kritisch einwenden. Aber ich kann gar nicht anders, als diesen Menschen aufrichtig zu bewundern und meinen innigsten Dank auszusprechen, hat er doch mein Mega-Etagenbett Wirklichkeit werden lassen.

 

 

Uhr

 

© Text & Fotos, GOO, April 2010