Die lange Nacht der Museen in Berlin

 

Die Lange Nacht der Museen fängt um 18.00 Uhr an und endet – einige Ausnahmen gibt es immer – um 2.00 Uhr früh. Bilder, Fotos, Installationen, Ausgrabungen gehören zum Standard und überraschen immer wieder aufs Neue. Daneben gibt es Technik, die in ihrer musealen Umgebung allen Reiz verliert. Wer kann sie ausprobieren? Da war ich als Kind mit meinem Radiomann schon in einer besseren Lage.

Der erste selbst gebaute Detektorempfänger empfing sogar den Lokalsender in ausreichender Lautstärke. Als Kind spielte ich im Bett Mondexpedition. Der Empfänger am Fußende war die Verbindung zur Erde und zur Mondbasis. Leider konnte ich nicht senden, aber das änderte sich nach drei Jahren. Da hatte ich mein erstes Walkie-Talkie selbst zusammengebaut.

Deutschland braucht Ingenieure! Ich bin keiner geworden. Heute zeichnen die Kinder lieber anstatt zu löten. Recht haben sie! Paul Klee war nicht umsonst auf der Welt. Schließlich gilt für Kunst dasselbe wie für Politik: Die Verpackung macht's! Der wichtigste Teil der Verpackung aber ist der Künstler selbst. Er muss die Menschen von seiner Kunst überzeugen. Warum sein Objekt besser ist für dieses Museum als das gleich aussehende Objekt eines anderen Künstlers. Positiv oder negativ? Ist vollkommen egal. Hauptsache man spricht über ihn.

Klingt nach Neid, oder? Aber: warum sollten nicht alle Menschen neidisch sein, oder gierig oder besessen? Ach, Sie glauben, die Gesellschaft würde dann auseinanderbrechen? Das können nur eingefleischte Pessimisten sagen, die noch immer nicht die neuen Tugenden der Zeit erkannt haben. Schließlich ist nach Joseph Beuys jeder ein Gesamtkunstwerk. Folglich muss er auch ein Künstler sein.

Wer glaubt, in jedem Berliner Museum gelten dieselben Regeln, der hat noch nichts von Regelpluralität gehört. Sie ist ein Bestandteil im Gesamtkunstwerk Berlin, der manchmal die Gemüter zum Kochen bringt.

Die Jacke müssen Sie an der Garderobe abgeben. Diese Aufforderung des privaten Wachpersonals – man erkennt es sofort, glauben Sie mir (schließlich kann ich nichts dafür, dass sich Klischees in der Wirklichkeit bewahrheiten) – werden Sie in den Staatlichen Museen Berlins vermissen. Jetzt aber nichts wie rein! Aber die Tasche! Ja, was ist damit? Tragen Sie die Tasche vorne! Fragen Sie ja nicht nach dem Warum! Sie werden keine Antwort bekommen. Falls Sie allerdings der Aufforderung nicht nachkommen, dann können Sie eben draußen bleiben. Vielleicht eine Idee für die Museen, Schilder aufzustellen mit der Aufschrift: Ich muss leider draußen bleiben! Würde sehr viel überflüssige Kommunikation sparen und auch das Aggressionspotential senken. Schilder sind schließlich harmloser als Muskelmänner.

Wenn Sie die Lange Nacht der Museen genießen wollen, dann sollten Sie vorher planen. Wie sieht die Tour aus? Sie können schließlich zwischen sieben Routen auswählen. Busse werden Sie in die Nähe der Museen bringen. Einen Stadtplan sollten sie ebenfalls dabei haben, falls es keinen an der Bushaltestelle gibt. Denn einige Museen sind nicht mit bloßem Auge auszumachen, und wer glaubt, dass er auf Fragen immer eine Antwort bekommt, liegt in diesem Fall garantiert falsch. Denn heute sind Sie nicht der oder die einzige, die nach dem Museum sucht.

Wir haben uns für diese Nacht die Tour 2 ausgewählt. Fast alle Touren beginnen am Lustgarten, im Zentrum der Berliner Museen: der Museumsinsel. Und wenn Sie sich Zeit gönnen, könnte die Lange Nacht hier auch schon zu Ende sein. Fünf Museen, nur wenige Meter voneinander getrennt, und hier spielt die Musik: Poesie-Regen gegen 22.00 Uhr und das Feuerspektakel mit den Feuerteufeln gegen 23.45 Uhr, damit die Grenzwerte der Lärmverschmutzung eingehalten werden. Zudem wird die Lange Nacht vor dem Alten Museum eröffnet. Also: warum nicht bleiben? Für das leibliche Wohl ist ebenfalls gesorgt!

Nein, wir haben uns als Thema diesmal die Befreiung Lateinamerikas ausgesucht. Dazu hat uns die Vodou-Ausstellung im Ethnologischen Museum Dahlem inspiriert. Schließlich war Haiti das erste Land, das sich von den Kolonialherren befreit hat. Eine Einladung der lateinamerikanischen Botschaften gab es ebenfalls. Im Roten Rathaus wurden Exponate platziert, die die Befreiung von den Kolonialherren in den Blickpunkt rücken sollten. Also nichts wie hin und anschließend in die geheimnisvolle Pyramidenstadt Teotihuacan – oder was davon im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist.

Wir sitzen also im Bus und fahren die eine Station weiter zum nächsten Haltepunkt. Er ist in der Nähe des Nikolaiviertels. Etwa fünf Minuten Fußweg bis zum Roten Rathaus und wir steigen erwartungsvoll die Treppen der Eingangshalle nach oben. Dort wartet erst einmal ein Rundgang auf uns. Hier muss es sein. Ach nein, die Botschaften haben nur das Catering hier aufgebaut. Die Preise sind zu hoch und wir lassen alles links liegen, sind schon im nächsten Raum und dort sind wir richtig. Die Befreiung ist in Szene gesetzt. Vier Vitrinen zeugen von der Kunst, die einst in Zivilisationen geschaffen wurde, die der damaligen europäischen Zivilisation in einem sicherlich überlegen war: die Mengen an Gold, aus denen einige Kunstwerke gefertigt waren.

Ein paar Schautafeln zu den Ländern und schon zieht uns der Rundgang weiter, vorbei an den Sekretariaten des Regierenden Bürgermeisters. Wir haben genug gesehen. Das hatten wir uns sicherlich anders vorgestellt. Moderne Installationen zum Beispiel, die die Befreiung als eigenständiges Gesamtkunstwerk kritisch inszenieren. Aber von alledem nichts. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass ein Schattendasein in das Gesamtkunstwerk Berlin integriert wurde. Von Selbstbewusstsein der lateinamerikanischen Länder war nur wenig zu spüren. Schade, denn daraus hätte man wesentlich mehr machen können. Aber – was kann man schon von überforderten Botschaftspersonal erwarten!

Seien sie nicht enttäuscht, wenn Sie enttäuscht werden. Die Lange Nacht hat noch mehr zu bieten. Also nichts wie weg und ab in den Bus zum nächsten Highlight: Die versunkene Pyramidenstadt Teotihuacan im Gropius-Bau. Vielleicht lassen sich hier Anhaltspunkte für den Freiheitswillen eines ganzen Kontinents finden!

Bau“ ist nicht die richtige Bezeichnung für dies sehr schöne Museum. Es müsste eher Martin-Gropius-Baustelle heißen, denn das ist es, was der Besucher innen und außen erst einmal wahrnimmt. Danach wird er von Museumspersonal angesprochen: fotografieren verboten! Fragen Sie nicht, diskutieren Sie nicht über Sinn und Unsinn dieses Verbots (wie Birgit es getan hat), stecken Sie einfach ihre Kamera oder ihr Fotohandy weg und tun so, als würden Sie sich an die Regel halten. Denn jetzt wird es spannend! Wie fotografiere ich die Exponate, ohne entdeckt zu werden? Ganz einfach. Einer oder eine steht Schmiere. Das haben wir dann auch getan. Klappt aber nur, wenn man zusammenbleibt. Ansonsten ist man mit einem Fotohandy gut beraten. Hier können Sie so tun, als würden Sie gerade ihren Terminkalender einsehen. Klick, schon ist man ein paar Schritte weiter.

Ich habe mich einer Führung angeschlossen. Welche Drogen kannten die Bewohner der geheimnisvollen Pyramidenstadt, in der immerhin 160.000 Menschen gelebt haben sollen? Für die damalige Zeit eine Megacity, wie Mexiko-Stadt heute. Wie haben sich die Bewohner der Stadt ernährt? Warum ist die Stadt untergegangen? Alles Fragen, die nicht beantwortet werden können. Vielleicht wird man in ein paar Jahren weiter sein, wenn man die Bilderschrift enträtselt hat. Aber offensichtlich kann man an den Funden sehr gut die Lebensweise der Führungsschicht Teotihuacans ablesen. Die Urnen und religiösen Götzenbilder sind noch sehr gut erhalten. Teotihuacan, ein sehr wohlklingender Name. Ob die damalige Bevölkerung ihre Stadt auch so genannt hat, wissen wir nicht. Wie die Menschen in dieser Stadt gesprochen haben, wird immer ein Geheimnis bleiben. Sicher steht fest, dass Menschen geopfert wurden und dass in der damaligen Stadt mehrere Volksgruppen lebten.

Wir verlassen die Baustelle in Richtung Bushaltestelle, sichtlich zufrieden über die Fotoausbeute. Dort erwarten uns schon etliche Menschen, die aber glücklicherweise zu einer polnischen Reisegruppe gehören. Alle hätten die nicht in den Bus gepasst, der uns nun zu der Berlinischen Galerie bringen soll. Hier will Birgit sich die Fotos von Marianne Breslauer ansehen. An einer Kirche in der Nähe des Jüdischen Museums spuckt uns der Bus aus. Wie kommen wir zur Berlinischen Galerie, ist die letzte Frage an die Busbegleiterin, die im Namen der Stadt den Fahrgästen die Haltestellen erklärt. Ja, irgendwo da drüben oder? OK, die weiß also auch nicht, wie wir dahin kommen. Selbst ist der Mensch und irgendwie stehen wir dann doch vor dem Eingang des Museums.

Fotografieren für 2 Euro erlaubt, Jacke an der Garderobe abgeben, Umhängetasche vorne tragen. Links vom Eingang ein Raum etwa 5 Meter hoch mit einer einzigen Installation. In einem Gumminetz liegt ein Auge aus Plastik mit noch dranhängenden Sehnerven. Das Netz hat eine durch die Schwerkraft der Plastik und die Aufhängung des Netzes hervorgerufene mehrfach gewölbte Form. 

Da schlägt das Herz des Mathematikers schneller: Mannigfaltigkeiten, selbstdurchdringende Mannigfaltigkeiten, Escher oder die Kleinsche Flasche. Das neudeutsche Wort, das zuweilen in der Molekularküche Verwendung findet und einmal von einem Koch fälschlicherweise als „optischer Eyecatcher“ bezeichnet wurde, bekommt hier – unter Weglassung des weißen Schimmels – eine ganz andere Bedeutung.

Die Berlinische Galerie ist in der glücklichen Lage, Künstlern die Räume für derartig große Installationen zu bieten. Allerdings kommt der Besucher sich in diesen überdimensionierten Räumen etwas verloren vor. Insbesondere dann, wenn er selbst zum Kunstwerk wird. So versuche ich, Schutz vor dem großen Ganzen in einer Ecke des Raumes zu suchen. Zwei Gucklöcher tun sich vor mir auf. Neugierig, wie ich nun einmal bin, sehe ich durch und sehe auf eine Märchenlandschaft in 3-D. Ganz schön, aber – denke ich und höre hinter mir Birgits Lachen. Sieh dir mal den Titel an! Und ich lese: Eckensteher. Jetzt bin ich schon wieder Teil eines Gesamtkunstwerks in einem Gesamtkunstwerk geworden. Zufrieden gehe ich in den nächsten Raum.

Eine Stadtführung läuft uns über den Weg. Das Museum wird Berlin, die Räume werden zu Plätzen oder Stadtvierteln und der Stadtführer wird zum Kunstarbeiter. Etwas wirr, was der junge Mann, der eine anwachsende Schar von Museumsbesuchern hinter sich herzieht, von sich gibt. Vielleicht berechnet sich die Kunstarbeit doch nach der Formel Kraft multipliziert mit Weg und potenziert mit dem Verwirrungsgrad des Betrachters. Ich verliere das Interesse. Denke an meine Wohnung zu Hause. Ach, hätte ich dort so viel Platz wie hier in diesem Raum, ich würde jeden Kubikmillimeter ausnutzen. Bunt bemalte Flächen würde ich nicht nehmen, um den Raum neu aufzuteilen oder zu zerschneiden. Räume müssen zugestellt werden, wie bei mir zu Hause, erst dann bekommen sie die Bedeutung eines Aufbewahrungsortes, eines Museums eben. Aber diese Museumsmanager wollen immer höher hinaus.

Kennen sie den Martin-Gropius-Bau? Ja, genau: die Baustelle. Hier könnte ich mich so richtig auslassen, wenn ich denn dürfte. Ein fast Fußballfeld großer Eingangsbereich tut sich vor meinen Augen auf. Es rattert schon in meinem Gehirn: Alles zugestellt auf mehreren Ebenen, mit den Ausstellungsstücken aus allen Berliner Museen. ‚Da passt noch was rein‘ ist das Motto der Ausstellung und gemeint ist damit der Besucher. Er soll sich in diesem Irrgarten zurechtfinden. Einlass 18.00 Uhr, Ende 2.00 Uhr. GPS-Unterstützung möglich, Ariadnefaden verboten. Und wenn der Besucher um 2.00 Uhr den Ausgang immer noch nicht gefunden hat, dann wird die ganze Zustellung geliftet und ein weites Feld wird sichtbar, an dessen Ende ein Ausgang sich auftut. Was halten Sie davon?

Die Feuerteufel schert das wenig. Und ich versuche, noch die letzten Bilder zu machen. Endlich ist alles zugestellt. Diesmal mit Menschen. Der Lustgarten ist bis auf den letzten Meter ausgefüllt und wir stehen oben am Alten Museum. Über die Köpfe hinweg fotografieren. Nicht im richtigen Moment auslösen, so wie es Marianne Breslauer gemacht hat, sondern direkt mehrere Fotos hintereinander machen. Es wird schon etwas dabei sein.

Was! 27 Fotos von den Feuerteufeln! Aber das ist doch auch die 27. Lange Nacht der Museen. Passt irgendwie! Für den Mathematiker ebenfalls. Und das muss ich dann doch noch loswerden: 27 ist eine Kubikzahl und Kubik hat was mit dem Raummaß zu tun, oder? Schließlich stehen dem Menschen drei Dimensionen für die visuelle Wahrnehmung zur Verfügung. Und drei potenziert mit drei ist eben 27. Zufall? Ich glaube es kaum!

© GOO, August 2010