„Menschen ich hatte euch lieb.“ steht auf dem Denkmal im Bürgerpark in Berlin-Pankow, das an Julius Fucík, einen tschechischen Kommunisten, erinnern soll. Am Sockel des Denkmals die Frage: Wieso? Warum ist es besser, die Menschen zu lieben als ihnen mit Hass zu begegnen? Ich habe keine Antwort, könnte mir allerdings vorstellen, dass es einfach ums Überleben geht. Schon lange beschäftigt mich die Frage, wie das Ganze (eine Gesellschaft, ein Staat oder die gesamte Menschheit) überleben kann. Gerne hätte ich eine Antwort, die ausgehend von der Rationalität oder Irrationalität des Einzelnen ihren Ausgangspunkt nimmt. Aber das Ganze ist nicht die Summe der Teile. Es hat eine eigene Qualität und wird doch durch jedes Individuum mit konstituiert.

Vielleicht gibt es einfach zwei Arten von Menschen: die Homophoben, die Menschen, die andere Menschen hassen, weil sie sich bedroht fühlen, und die homophilen, die andere Menschen lieben. Das Homophobe kann sich verschieden äußern: Rassismus finden seinen Halt in der Überlegenheit oder der Bedrohung der eigenen Rasse (siehe Sarrazin) oder der eigenen Religion (siehe Broder) oder der eigenen politischen Weltanschauung (siehe Laumann, CDU). Die Freiheit der Menschen ist nicht beim Menschen angesiedelt sondern äußert sich abstrakt (siehe die Märkte im Neoliberalismus). Die Unterschiedlichkeit der Menschen wird durch die Konkurrenz konstituiert und macht ihre Freiheit aus. Die Homophilen, die Menschen, die andere Menschen lieben (siehe Jesus), fühlen sich von den Menschen selbst nicht bedroht. Sie akzeptieren, dass es aggressive, gewalttätige Menschen, Gruppen und Staaten gibt, finden sich damit aber nicht ab. Denn sie glauben an eine geistige Evolution der Gattung Mensch, dessen Ziel das friedliche und solidarische Zusammenleben ist. Dazu benötigen sie die Solidarität der Anderen. Die Einen setzen auf Konkurrenz und die Anderen auf Solidarität. Die Einen betonen den Unterschied und die Anderen die Gemeinsamkeiten. Die einen stellen das Individuum in den Vordergrund und die anderen das Ganze.

Ein Individuum hat in bestimmten Gesellschaftssystemen sehr viel Macht. Die Bedrohung für das Individuum ist immer gleich: es wird in seiner Freiheit beschränkt oder seiner Lebensgrundlage beraubt. Die Diktatur des Kapitals bringt es mit sich, das das Privateigentum geschützt werden muss. Dies wird durch Gesetze, Polizei und Militär bewerkstelligt. Kurz: mit Gewalt und Gewaltandrohung. Hier spiegelt sich der homophobe Mensch im Ganzen wider, der die Welt als Hölle sieht, die es gilt zu unterwerfen, und die Menschen als Teufel. Der homophile Mensch versucht den Schwur: Nie mehr Krieg, nie mehr Faschismus kurz die Gewaltlosigkeit im Miteinander zwischen anderen Menschen, Menschengruppen, Staaten und der Welt zu leben. Für ihn hat das Sein einen höheren Wert als das Haben, um mit E. Fromm zu sprechen. Er hat erkannt, dass die Geschichte der Menschheit einen anderen, friedlichen Weg gehen muss, damit die Probleme unsere Zeit gelöst werden können. Er hat die Hoffnung, dass die Menschen vernünftig genug sind, keine Kriege um knapp werdende Rohstoffe anzuzetteln, keine Kriege zwischen einzelnen Menschengruppen herauf zu beschwören. Der Homophile wird aktiv, weil der Mensch für ihn kein Feind sondern ein Partner ist, um seine Hoffnung zu verwirklichen. Nur in einer gewaltlosen Gesellschaft wird jeder Einzelne leben können und damit frei sein im Sinne der französischen Revolution. Nur in einer solidarischen Gesellschaft wird der Mensch seine Probleme lösen können ebenfalls im Sinne der französischen Revolution. Damit dies überhaupt funktioniert, muss es eine Sphäre der Gleichheit geben, in denen die Menschen sich untereinander begegnen. Dies Sphäre bedarf des Schutzes genauso wie die Freiheit des Einzelnen. Immer mehr Menschen erkennen, das die Diktatur des Kapitals dazu nicht in der Lage ist. Immer mehr Menschen erkennen, dass man dazu authentisch mit sich selbst und gegenüber dem anderen sein muss. Immer mehr Menschen erkennen, dass wir neue demokratische Mechanismen brauchen, um als Menschheit zu kommunizieren. Die technischen Voraussetzungen dazu gibt es. Sie sollten im Sinne von Karl Marx Eigentum der Menschheit sein im Sinne eines Produktionsmittels, das allen gehört und zu dem jeder den gleichen Zugang hat. Jeder versteht sich!

Fucík war Kommunist. Er hat immer den Menschen in den Vordergrund gestellt. Vergesst nicht, war seine Devise, weder die Guten noch die Bösen. Vergesst die Menschen nicht, denn auch der homophile Mensch weiß, dass es bösartige Menschen gibt. Aber er glaubt daran, dass man auch mit diesen Menschen in einer gewaltlosen Gesellschaft kommunizieren kann. Der homophile Mensch will, das sich das Individuum nicht hinter abstrakten Größen wie die Gesellschaft, das Kapital, den Staat etc. versteckt. Deshalb fordert er jeden auf, authentisch zu sein. Es geht darum, dass gute und böse Menschen ein Gesicht haben, Hoffnungen haben und Sehnsüchte. Es geht darum die Menschen zu erkennen und nicht was sie vor sich gestellt haben.

Die Einsicht, dass eine neue Einstellung des Menschen zum Menschen notwendig ist, um die Welt so zu verändern, dass die Menschen in ihr leben können, sich entwickeln können und eine gemeinsame Zukunft haben, diese Einsicht unterscheidet den homophilen vom homophoben Menschen. Der homophobe Mensch geht davon aus, dass die Menschen sich nicht weiter entwickeln können sondern im Grunde bei ihrer genetischen Abstammung stehenbleiben: die Menschen sind irrationale Triebmenschen, die ihre Gefühle mit ihren Taten verbinden müssen und nicht mit ihrer Vernunft. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf und nicht ein Mensch. Aus! Schluss! Das ist so! Das wird sich nicht ändern! Alles andere ist Träumerei!

Aber auch diese Menschen benötigen Schutz, weil sie auch überleben wollen. Allerdings ist der Schutz, den sie in Anspruch nehmen wollen, auf sie selbst als Individuum oder einer Gruppe von Gleichgesinnten beschränkt. Sie versuchen die anderen mit in ihr Boot zu holen. Sie zetteln Kriege im Namen des Guten an, weil nur so das Gute sich durchsetzen kann. Sie morden und werden gemordet im Namen der Demokratie, der Freiheit oder anderer Werte, die auch für den homophoben Menschen wichtig sind. Der homophile Mensch weiß aber, dass die Wahl der Mittel das Ziel beeinflusst. So lässt sich das Gute nur mit Gewaltlosigkeit durchsetzen alles andere würde wieder in einer Gewaltspirale enden.

Wieso müssen wir die Menschen lieben? Müssen, das klingt nach einer Notwendigkeit. Ich glaube an diese Notwendigkeit, weil unser begrenzter Planet bald keinen Platz mehr für uns hat und diese Einsicht nicht mit Gewalt aus der Welt zu schaffen ist. Deshalb muss die Dialektik zwischen homophilen und homophoben Menschen eine neue Synthese finden. Wie die aussieht, kann ich nicht sagen.

Ich werde wahrscheinlich eines natürlichen Todes sterben und nicht gewaltsam wie Julius Fucík, der durch den Nazirichter Freisler in den Tod geschickt wurde. Er wurde am 8. September in Plötzensee hingerichtet. Das Gedächtnis der Menschheit ist ihre Geschichte. Sie wird nicht vererbt. Dass man auf das Wissen von Generationen zurück greifen kann, lehren uns die Wissenschaften. Dass wir als Generation die richtigen Schlüsse daraus ziehen, werden wir vielleicht nicht erfahren, aber in einer geschichtlichen Dimension werden wir dafür verantwortlich sein, weil jedes Individuum frei ist.

 

© GOO, November 2011