Hier steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor. Einigen Artgenossen befällt bei dem Namen „Lustgarten“ ein müdes Lächeln, weil sie es mit Triebgarten verwechseln. In Zeiten des abnehmenden Lichts ist die Lust eben reduziertso wie das Leben auf die ureigenen Triebe, die wir als genetisches Material in uns tragen, reduziert ist. Und gegen die Gene zu rebellieren können eben nur Idioten.

Lustgarten, das Kleinod mitten in Berlin, in dem schon Bettine von Arnim den Kinderwagen schob, oh Lustgarten! Wie siehst du heute aus! Die Reichen haben dich dem Pöbel preisgegeben, dich demokratisiert, weil es auch in einer Demokratie unterschiedliche Menschen gibt. Und wie kann dieser Unterschied sich am besten materialisieren als durch den Geldbeutel? Ein einfaches System, nicht ohne Logik, aber vielleicht ohne Lust. Freude kommt nicht auf, und die Kamera verlässt den sicheren Standpunkt. Der Beobachter will mehr sehen. Die Gebäude sehen nicht aus wie Genossenschaftswohnungen, und tatsächlich wohnt in ihnen die Kunst, die Wissenschaft oder eben Gott, der gerade um neunzig Grad versetzt in der Rechtsdrehung des Kameramanns erscheint. Begleitet von einem Toben und Tösen, als würde ER gerade auferstehen aus seinem Tiefschlaf, in den wir IHN mit allerlei wirksamen Medikamenten versetzt haben.

Oben ist heute der Himmel blau. Schönes Wetter, werden manche sagen, aber es soll auch Zeitgenossen geben, für die das nicht zählt. Die Lust ist eben nicht direkt proportional zum Wetter, obwohl bei Sonnenschein der Rasen im Garten von Herumliegenden gepflegt wird. Ab und zu sieht man auch eine Musikantengruppe, die ihr Bestes zur Schau stellt (dies sollte ein akustischer Eindruck sein, kein optischer!) . Aber ein Hallo hört man eben auch dann, wenn man nicht damit rechnet. Speak English oder Deutsch? Da will ein Menschenkind mit dir Kontakt aufnehmen, aber du versteckst dich nur hinter deiner Kamera, hältst sie fest, als könntest du sie verlieren. Dann blickst du in schöne schwarze Augen, die dich mustern und als Idioten identifizieren. Sich dumm stellen hilft in so vielen Situationen, dass man schon einige Seminare darüber halten könnte.

Aus die Maus. Eine freie Fläche, wo einst das Prunkstück angeblich sozialistischer Macht stand. Aber diejenigen, die sich dazu zählten, waren dann doch ihrer Mach überdrüssig und hinterließen dem neuen Gesellschaftssystem die eine oder andere Pflanze, die prächtig unter den anderen, neuen Verhältnissen gedieh. Sie wurde so mächtig, dass sie als Zwangsvollstreckerin Europas auftritt und das Glück im Sparen sucht. Aber das Sparbuch ist eben nicht damit gemeint. Zurücklegen kann man später. Sparen bedeutet eben in Zeiten des abnehmenden Lichts - Sie werden es gemerkt haben, dass ich hier auf einen Roman von Eugen Ruge anspiele – kürzen, streichen und umverteilen. Aber wie kommt der nur immer aufs Hölzchen und aufs Stöckchen, wenn er eben doch nur eine Momentaufnahme beschreiben will? Vielleicht liegt es nur an der freien Fläche, die sich dem Betrachter von einer BOX aus auftut und die der Wissenschaft gewidmet ist. Das Stadtschloss soll in neuem Glanz erstehen. Für die Wissenschaft oder besser für die Dokumentation. Denn der Glanz wissenschaftlicher Erkenntnis war schon immer eine prächtige Bibliothek. Und so gibt es in einigen Staaten, die wir heute, aus deutscher Sicht, als Hungerleiderstaaten bezeichnen würden, doch den ein oder anderen Prachtbau, der nicht privatisiert wurde sondern von den besseren Zeit Zeugnis ablegt, die es auch hier gegeben haben soll.

Die Lust im Rücken und die Wissenschaft vor den Augen. Eine leere Wiese, die auch die wenigen Menschenkinder nicht interessanter machen. Gebaut wird irgendwann einmal und ich freue mich schon auf die Bauverzögerungen, weil etwa der Brandschutz nicht eingehalten wurde. Die Anlagen sind veraltet und müssen entsorgt werden, noch bevor das Gebäude bezogen werden kann. Früher war es Asbest, heute sind es die Brände, die keiner haben will. Aber Achtung, was macht der Schreiber schon wieder. Er schweift ab. Sie kennen doch das Buch aus dem Leben des Tristram Shandy. Nein, dann sollten Sie diese 700 Seiten lange Abschweifung einmal lesen. Was will der Autor uns damit sagen: Wenn alles determiniert ist, dann muss auch die eigene Geburt herleitbar sein, aus den stammesgeschichtlichen Gegebenheiten, die dazu geführt haben. Aber ich befürchte, dass ich ihnen dieses Buch nicht empfehlen kann, wenn es um den Bau des Berliner Stadtschlosses geht.

Was gibt es außer dem schönen Wetter heute noch zu dokumentieren! Eigentlich eine Demonstration, die sich gegen die Diktatur des Kapitals auf die Straße hat tragen lassen. Aber ein paar verstreute Demonstranten hier in unserem reichen Land, das die Spitze der EU erklommen hat, machen den Kohl auch nicht fett. Da fehlt der Glanz, der sich erst dann wieder zeigt, wenn die 360-Grad-Drehung beendet ist. Allerdings haben sich einflussreiche, die Republik steuernde Alphatierchen im Hintergrund gehalten. Bertelsmann, die mit Herrn S. das rechte Potential der Republik ausgelotet haben. Das war die Wahrheit, kein Populismus. Wenn man gegen den Reichtum ist, gilt man persönlich als neidisch, und wenn man Maßnahmen in der Öffentlichkeit vertritt, die den Reichtum gerechter verteilen sollen, gilt man als Populist. So einfach ist das hier im Lustgarten. Fehlt nur noch die Pommes-Bude und der Bierstand, fürs gemeine Volk. Aber solche Feste werden hier nicht gefeiert.

Do you speak Englishh – oder: das hier sind keine Genossenschaftswohnungen

 

 

© GOO, Mai 2012