Wie sieht die Welt aus, wenn man sie nach Formen und Farben durchschreitet und alle Geräusche ausblendet. Was ist das Charakteristische an einer Katze, die nur mit wenigen Grundformen zur Katze wird und nicht zum Menschen? Was ist das Charakteristische am Menschen, seine Grundform, die des Kopfes, des Oberkörpers, der Beine? All diese Fragen tauchen dann auf und sie werden ganz einfach durch die Anschauung beantwortet. Aber man schaut etwas Konkretes an und kein abstraktes Wort oder einen abstrakten Gedankeninhalt, den man noch nicht in Worte fassen kann. Die Erfahrung wird plötzlich in den Mittelpunkt des Lebens gestellt und nicht die Theorie.

Was geschieht mit dem Menschen, wenn er werktätig wird. Mit all seinen Sinnen etwas bearbeitet. Wird er ein anderer Mensch. Schon Karl Marx hat in den Mittelpunkt seiner Philosophie das Wesen des Menschen als werktätigen Menschen gestellt. Das Wesen des Menschen ist die Arbeit. Deshalb ist der Mensch angreifbar, ausbeutbar und erpressbar. Aber was, wenn das alles wegfällt und der Mensch bei sich ist, bei seiner Arbeit, bei seinem Wesen. Ist er dann glücklich oder verändert er sich ganz langsam? Wird er ruhiger, wird er konzentrierter, wird er kreativer, weil er sich in einem Dialog zwischen dem Material, das er zu bearbeiten sucht, und seinen Vorstellungen befindet?

 

Ich schaue aus dem Fenster nach Osten. Dort wurde ich geboren im östlichen Zipfel der beiden Deutschlands und bin dann im westlichen Zipfel aufgewachsen. Da gab es die Meinungsfreiheit, die Bewegungsfreiheit, da gab es angeblich die Freiheit, aber kein Recht auf Arbeit. Vielleicht deshalb, weil Freiheit ohne Recht auskommt und es auch leichter ist, sein Leben zu leben. Aber derjenige, der so denkt, merkt nicht, wie abhängig er ist. Noch scheint seine Freiheit zu funktionieren. Welche Bedingungen dazu notwendig sind, damit sie genau so funktioniert, das will er nicht wissen. So ist das Material, das ich bearbeite immer beides: meine Abhängigkeit und meine Entwicklung. Immer ein dialektischer Prozess, der aber doch zu etwas führt und die Widersprüche, in die man sich automatisch begibt, wenn man handelt oder auch nicht, werden verarbeitet mit den Händen, mit den Augen, mit den Ohren und mit der Nase.

 

Ich habe mir Speckstein ausgewählt, als Gegenstand meiner Vergegenständlichung. Anderes Material wäre auch denkbar gewesen. Zum Beispiel Knete, die sich beliebig verformen lässt oder Ton. Aber der Speckstein hat es mir angetan, damals in der REHA, damals als ich eine Flasche aus Speckstein herstellen wollte, ja, her-stellen, das Wort passt genau zum Arbeitsergebnis. Der Speckstein war quaderförmig und musste zurecht gesägt, gefeilt, geschliffen und gewachst werden. Arbeitsschritte, die aufeinander folgen und nicht beliebig vertauscht werden können, wenn man das Ergebnis in einer schon vordefinierten Form haben will. Speckstein, ein Material das mich gefunden hat, um mich auszudrücken, und das ist wieder in dem Wortsinn gemeint, der mit ausdrücken eines Schwamms zu vergleichen ist. Was ist das für ein Material? Warum eignet es sich zur Bearbeitung auch für Menschen, die keine Ausbildung als Bildhauer haben? Wikipedia gibt die Antwort: „Speckstein (Steatit, Lavezstein, Seifenstein, ital. pietra ollare; franz. pierre ollaire; engl. soapstone) ist ein natürlich vorkommender, massig oder schiefrig auftretender chemischer Stoff, der je nach Zusammensetzung als Mineral oder als Gestein gilt. ...

Speckstein war aufgrund seiner geringen Härte (Mohshärte = 1) und damit leichten Bearbeitbarkeit bereits im Alten Orient, Ägypten, China und Skandinavien ein beliebter Natur- und Werkstein, der überwiegend zu Siegeln, Skulpturen und verschiedenen Haushaltsgegenständen wie Behältern und Kochgeschirr verarbeitet wurde.“

Eigentlich wollte ich etwas Einfaches machen. Eine Flasche sollte es werden. Der Quader wurde von mir kubistisch zersägt, damit später die Rundungen einfacher herausgefeilt werden konnten. Eine Seite bekam ein Loch für die Flaschenöffnung und auf der anderen Seite habe ich einen Henkel ausgesägt. Ich wollte keine gewöhnliche Flasche haben sondern eine Kleinsche Flasche, eine Flasche, die kein Innen und kein Außen kennt, eine Flasche, die sich dreidimensional nur als zweidimensionale Mannigfaltigkeit mit Selbstdurchdringung darstellen lässt. Eine Kleinsche Flasche eben, in der der Henkel die Flaschenöffnung und die Flaschenöffnung der Henkel ist, eine Synthese aus sonst getrennten Formbestandteilen.

Doch die Betrachtung des ersten Zwischenschritts ergaben eine andere Form, eine Formwandlung. Der Henkel könnte doch eine riesige Nase eines Fantasietieres sein. Der Nasenbär war geboren. Ein Tier, das es wirklich gibt und ein Tier, dass es nur für mich in meiner Fantasie gibt. Die Öffnung der Flasche wurde einfach zur typischen Nasenbärmulde erklärt, in dem die Nasenbärfrauen ihrer Babies herumführen. Die Arbeit am Gegenstand hat das Ergebnis gebracht, weil die Anschauung nie pure Anschauung ist sondern zugleich Interpretation des Angeschauten und Verwandlung des Angeschauten nicht nur dem Zwecke nach. Dieser Prozess ist neu und lässt sich leider nicht in alle Bereiche unseres Lebens so einfach übertragen. Die Zwänge und vieles mehr verhindern, dass man neue Perspektiven einnimmt, die Sache von allen Seiten her betrachtet und sie in der Betrachtung verändert. Diese neue Erfahrung mit dem Speckstein, dies neue Erlebnis mit etwas, was ich selbst war und bin, dies ist eigentlich dasjenige, was die Arbeit zum wichtigstes Instrument dessen macht, um sich sein Wesen anzueignen. Denn das müssen wir, weil wir nicht deterministisch festgelegt sind, was aus uns wird. Das hat der Speckstein gezeigt.

Weitere Figuren sind gefolgt. Wer freie Selbstentfaltung richtig definieren will, der muss diesen Prozess kennen. Aber was ist selbstbestimmte Arbeit, wenn man die Bedingungen ausblendet, die uns das Kapital diktiert? Vielleicht liegt die Antwort für mich im Speckstein, für einen anderen im Ton, für eine andere in der Farbe, und wiederum für andere in der Musik. Das hat alles mit Reichtum zu tun. Das hat alles mit Freiheit zu tun. Das hat alles mit Menschsein zu tun.

 

© GOO, Juni 2012

© Bilder: Bio, 2012