Will man in den Berliner Untergrund abtauchen, so kann man dies für 10 Euro tun, wenn man eine erwachsene Person ist, was immer das heißen mag. Kinder hingegen müssen dafür nur 6 Euro auf den Tisch legen, sodass eine vierköpfige Familie mit schlappen 32 Euro dabei ist. Bei uns war es eine sehr freundliche Frau, die durch die unterirdischen, dunklen Welten führte und sehr viel zu berichten wusste. Leider musste alles mit militärischen Themen beginnen. Es ging um den Untergang, der bereits in etlichen Filmen auf die Leinwand gebracht wurde, sowie um Luftschutzräume, die hier unter der Erde in sehr unterschiedlichen Versionen existieren. Bemerkenswert fand ich die Information unserer Führerin bzw. unseres Guides, dass ein sogenannter Luftschutzbund schon 1935 gegründet wurde. Sicherlich hätte er seine Berechtigung gehabt, wären zu diesem Zeitpunkt bereits die wahnsinnigen kriegerischen Pläne des GRÖFAZ bekannt gewesen.

Irgendwie hat man schon 1935 mit dem Untergang gerechnet und sich auf die späteren Bombardements eingestellt. Zuerst wurden durch die Alliierten deutsche Großstädte in Schutt und Asche gelegt. Luftminen hat man über den Häusern explodieren lassen, sodass die Dächer von den Häusern flogen, danach dann den Rest mit Stabbrandbomben in Brand gesteckt. Ein sehr effiziente Methode, um die Zivilbevölkerung in die Luftschutzräume zu treiben und den Deutschen klar zu machen, dass derjenige, der der Herrenrasse ein großes Reich versprochen hatte, sich selbst in diese Räume begeben und seine Niederlage eingestehen musste. Vielleicht hat der Führer in seinem Luftschutzbunker auf einer Torftoilette gesessen. Der Torf diente allein dem Zweck, den Gestank einzudämmen, die Toilette wiederum musste regelmäßig von Zwangsarbeitern gereinigt werden. Das Ganze kam mir wie ein Katzenklo für Menschen vor, das hier in der dunklen, unterirdischen Welt ans Licht des Betrachters gebracht wurde.

Nein, die Propaganda hat von „17 bis 70 Jahren“ jeden an die Front posaunt. Das letzte Aufgebot, damit der Untergang auch ein richtiger werde und kein Deutscher mehr darüber hinweg sehen könne. „Pst, der Feind hört mit“, war auch eine entsprechende Propaganda und „Wasser und Sand“ helfen gegen Brandbomben. Allerdings haben sich die Nazis hier wohl geirrt, weil die Brandbomben mit einem besonderen Brandbeschleuniger gefüllt waren, der bei Berührung mit Wasser explodiert. Ich habe Thermit verstanden, bin mir aber bei der Bezeichnung nicht mehr so sicher.

Ein sehr schönes Plakat hat der Verein der Unterwelten Berlins in einem der Luftschutzräume aufgehängt: es beleuchtet den Begriff des Nationalsozialismus. Man sieht ein von Thermitbomben zerstörtes Haus oder, besser gesagt, die Fassade des Hauses, daran befestigt und ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Wir grüßen den ersten Arbeiter Deutschlands: Adolf Hitler“.

Viele haben diesen Krieg mitgetragen oder mussten ihn mittragen. Eine sehr hässliche Seite war die der Zwangsarbeiter. Auch hier hat der Untergrund eine weitere dunkle Welt zu Tage gefördert. Man fand die Adrema der Firma Lorenz, die über 4.000 Namen von Zwangsarbeiter enthielt, von denen allerdings nach der Entdeckung des entsprechenden Bunkers nur noch ca. 30 ausfindig gemacht werden konnten. Mit Zwangsarbeitern hat sich das Terrorregime über Wasser gehalten. Die Batterieherstellung hat eine besondere Stellung eingenommen. Hier haben die Zwangsarbeiter ohne Schutz gearbeitet. Dies wiederum bescherte der Familie Quandt einen Durchsatz von 80%, was so viel heißt, dass innerhalb von 14 Tagen von 100 Menschen 80 getötet wurden. Aber Wikipedia weiß beruhigenderweise zu berichten, dass das Vermögen der Familie Quandt nach dem Zweiten Weltkrieg gescheffelt wurde. Eine Entschädigung der Familien der überlebenden Zwangsarbeiter durch die Familie Quandt hat es meines Wissens nie gegeben.

Nach dem Krieg kam das Aufräumen. Auch hier waren die Berliner sehr fleißig. Schuttberge entstanden, wie der Teufelsberg z.B. und auch in anderen Parkanlagen wie z.B. dem Humboldthain wurden 68 Millionen Kubikmeter Abraum verteilt, den die fleißigen Trümmerfrauen mit Trümmerloren transportierten.

Viel interessanter war dann doch die zivile Nutzung des Berliner Untergrundes. Ja, die Berliner U-Bahn, wer kennt sie nicht. Sie wurde in offener Bauweise gebaut. Zuerst das Ausschachten, danach das Legen der Gleise, dann den Überbau und zum Schluss wurde alles wieder zugeschüttet. Heute macht man das professioneller. Ab 1980 ist man zur Vereisung des Untergrundes übergegangen und hat einen U-Bahn-Schacht gebohrt. Aktuell ist dies Unter den Linden zu beobachten, wo gerade eine neue U-Bahnlinie entsteht. Es ist wohl besser so, wenn die da oben ihren gewohnten Weg fortsetzen können, obwohl unter ihnen der Maulwurf am Werke ist. Und wer es nicht glaubt, dass man am Alexanderplatz bitte auf die Lücke zwischen U-Bahn und Bahnsteig achten soll, der kennt eben nicht die beiden U-Bahntypen. Es gibt die schmalen, die Schmalspurtypen eben, und die mit den breiten Spuren. Bei denen hat man keine Lücke mehr zu befürchten, wenn man am Alex aussteigt. Jedenfalls hat das Ganze nicht, aber auch gar nichts mit der Gleisbreite zu tun. Die ist in der gesamten Berliner U-Bahn einheitlich. Wenigstens ein Standard, der sich durchgesetzt hat.

Berlin hatte mit London, wo die Rohrpost erfunden wurde, ein sehr große Rohrpostsystem installiert. Und dafür ist der Untergrund genau das richtige, wie auch für die totale Kommunikation im Internet-Zeitalter, dessen Kommunikationsadern Glasfaser- und Kupferkabel sind, an denen wiederum englische und amerikanische Berufslauscher hängen, die alles wissen wollen. Leider gibt es das Rohrpost-System nicht mehr, obwohl eine Wiederaufnahme der Rohrpost doch einige Vorteile hätte, denn man könnte darin ausreichende Mengen Bier transportieren. Wie kommt der auf Bier, werden Sie fragen? Brauereien waren die Pioniere des Untergrundes. Hier befanden sich einst große Lagergefäße der Berliner Brauereien, in denen das köstliche Nass kühl gelagert wurde. Also ab in die Flasche damit und mit der Rohrpost zum Bierautomaten am Alex. Sicher, das gibt es nicht. Aber das könnte es geben. Die Infrastruktur dafür ist an einigen Stellen auch noch vorhanden. Und warum sich nicht einmal Gedanken über die friedliche Nutzung des Untergrundes machen?

 

© GOO, Juli 2013