Sonette? Kein Theater! Eine Bühnenshow und der Hauptdarsteller im Hintergrund heißt Shakespeare. Was das Berliner Ensemble diesmal auf die Beine gestellt hat, lässt sich nicht nur sehen sondern auch hören. Manchmal war es schwierig, dem Gesang zu folgen. Als Ausgleich konnte man sich anschließend den Text gesprochen anhören. Was Liebe sein kann und welche dialektischen Höhen und Tiefen in diesem Seelenzustand verborgen sind, kann man heute nicht mehr hören. Die heutigen Texte zum Thema sind oft nur banal, egal mit welcher Musik sie untermalt sind. Somit ist es nicht nur interessant einige von Shakespeares Sonette mit unterschiedlicher musikalischem Background in den Gehörgang Eingang zu gewähren sondern es ist, wie sich sehr bald herausstellt, ein Genuss. Nicht nur die musikalische Untermalung wird geboten. So hat das kontemplative Element breiten Raum in der Performance. Szenische Darstellungen und ein ausgezeichnetes Bühnenbild unterstreichen das. Insgesamt eine hervorragende Mischung, die nicht nur als Patchwork daherkommt sondern wohl platziert die verschiedenen Elemente miteinander verbindet und so den Sonetten mehr Perspektive verleiht als die bloße Rezitation.

Eigentlich hätte ich nicht erwartet, dass Shakespeare auch etwas zur Ästhetik des Kapitalismus zu sagen hat. Diese Farbe Schwarz dominiert die heutige Architektur, und das sieht man sofort, wenn man am Eingang des BE auf die Aufführung wartet. Ein ganz besonderes Schwarz-Weiß-Bild wird dem Theatergänger präsentiert. Vielleicht das exklusivste Townhouse, das Berlin momentan zu bieten hat:

 

Schwarz kann nicht schön sein, hat man einst gedacht,

Auf jeden Fall hat man's nicht schön genannt.

Doch seit man Schönheit dreist zum Bastard macht,

ist Schwarz als Schönheits Erbe anerkannt.

Seit der Natur die Kunst ins Handwerk pfuscht,

ist wahre Schönheit ungerühmt geblieben.

Das Häßliche wird künstlich schöngetuscht

Und wahre Schönheit aus dem Amt vertrieben.

Darum ist rabenschwarz der Herrin Augenpaar,

Als ob es trauern muss um jede Schöne,

Die, selbst nicht schön, durch Kunst verschönert war,

Daß sie mit falschem Glanz der Schöpfung höhne.

Doch putzt die Trauer es so ungemein,

Daß jeder sagt, so nur kann Schönheit sein. (Shakespeares Sonette, BE 111)