5.04.09, Krakow, Haus „Seeschwalbe“

Frühmorgens Vogelgesang von einer beglückenden Vielfalt.

Nach dem Frühstück dann eine Wanderung am See entlang, weiter als sonst, bis zu einer später als „Bornberg“ identifizierten, bewaldeten Erhebung. Wir kamen an vorher nicht gesehenen landwirtschaftlich genutzten Flächen vorbei, Schafe und Hühner. Als kleines Kind besaß ich ein Huhn an diesem Ort, es hieß Gerda. Eines Tages war Gerda verschwunden, und ich war zu klein, den Zusammenhang zwischen ihrem Nicht-mehr-da-sein und dem Hühnerbraten zu erkennen, den wir am anderen Tag auf dem Tisch hatten. War ich nicht auch stolz gewesen, ein Hühnerbein in meinem kleinen Bauch zu haben? Jahre später, nach der Wende, erzählte mir eine ehemalige Hausnachbarin diese kleine Anekdote.

Zur Linken immer wieder der See,  rechts und links des Weges Morast und gebrochenes Gehölz. Ein Hauch von Urwald – ökologisch belassene Natur mit Sicherheit.

Am Nachmittag des zweiten Tages (Sonntag) machen wir uns auf zum zweiten Spaziergang: Das Foto von den kunstvollen Steinen am Seehotel muss wiederholt werden. Wir gehen in die bekannte Richtung, bekommen das richtige Blau der neu entdeckten Blümchen (es sind Leberblümchen – nach der Heimkunft im Internet überprüft!) nicht mit ihrem authentischen Blau aufs Foto, sehen voller Glück auf einer Morastwiese die ersten Sumpfdotterblumen und nehmen sie mehrere Male auf, kommen an dem Eckhaus mit der Katzenwarnung vorbei. Eine Schwengelpumpe im Vorgarten. Stand sie früher vielleicht auf dem Marktplatz? Ein groß gewordenes Kind erinnert sich: Der halbrunde Deckel schräg oben drauf, darinnen junge, piepsende Vögel. Soll die nun Erwachsene beim nächsten Vorbeigehen danach fragen?

 

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Wir gehen weiter, es wird diesmal nur ein Foto werden. Dann machen wir den Bogen um das alte Pfarrhaus herum, kommen schließlich auf dem historischen Marktplatz mit seinem unter Denkmalschutz stehenden Bilderbuchambiente an (in dem u.a. ich geboren wurde, also auch von historischem Wert!) Hinter meinem Geburtshaus, der jetzigen Caritas-Station, befindet sich ein Schild mit „Essensausgabe“. Es gibt also auch Arme hier. Schräg gegenüber, im Gebäude des „Nordischen Hof“es, ein Restaurant mit Namen „MoinMoin“. Auf der ausgehängten Speisekarte kann man unter anderem lesen: „Krakower Bulleneintopf.“  Wir werden das Gericht in den nächsten Tagen ausprobieren, es kostet nur 4,90€. Passend zum Gericht befindet sich zur linken Hand die örtliche Polizeistation.

 

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6.04.09 – 3. Tag in K.

Morgens bin ich aufgewacht, als draußen das Vogelkonzert in vollem Gange war. Wir hatten keine Milch mehr und wollten noch vor dem Frühstück ins Einkaufszentrum gehen. Ein langer Weg, fürwahr. Und nach dem Frühstück machten wir den Weg gleich noch einmal – hin und zurück – weil wir die Wärmflasche vergessen hatten, ohne die ich keine zweite Nacht verbringen möchte. An der Ecke, wo beim letzten Mal noch eine Drogerie war, ist jetzt ein Kramladen (Paul meint: „Schnäppchenmarkt“) mit China-Importware. Wie glücklich war ich doch, als ich ein breites Farbensortiment an Wärmflaschen vorfand. Nur 2,99€ und lila noch dazu!

Jetzt, wo ich dies, auf dem Sofa sitzend schreibe, wärmt sie meinen Rücken. Wunderbar! Vor etwa einer halben Stunde (ich war gerade im Badezimmer), klopfte es an unserer Hüttentür: Frau H. stand davor und brachte eine Platte selbst gebackenen Pflaumenkuchen! Vorgestern, an unserem Ankunftstag, stand bereits ein Teller mit Bienenstich auf dem Wohnzimmertisch!

Eines muss ich noch aufschreiben: Zauberhaft der Anblick von Tautropfen auf den Grashalmspitzen heute früh. Beim Nähergehen konnte ich eine winzige Wasserkugel erkennen, in der sich die frühe Sonne widerspiegelte!

Wir sind noch einmal spazieren gegangen, nach dem Weg zum Fritz-Reuter-Gedenkstein heute früh wollten wir nun die Bibliothek in der Alten Schule kennen einer Frau B., mit meinem Anliegen vor. Sie zeigte mir ein paar Krakow-Bücher, von denen es das interessanteste wohl nicht mehr im Buchhandel gibt: „Min oll lütt Vaderstadt! Krakow am See“, verlegt in einem Schweriner Verlag.

Nein, Bücher über das Nachwende-Krakow gebe es nicht, meinte sie. Ich erzählte ihr von unserer Radtour im September 1990, von unserer historisch-kritischen Teilhaberschaft an der Phase des Umbruchs, von der live miterlebten Ausräumaktion in den Buchhandlungen. „Ja“, fiel sie mir da ins Wort, „die haben uns dann ihren Konsalik in die Regale gestellt!“ Ich war hin und weg, genau das ist ja mein Anliegen! Ich erzählte ihr davon, und sie fand die Idee toll. Ich habe ihr meine Karte gegeben, glücklicherweise hatte ich eine dabei. Jetzt ist mir, als habe ich Anker geworfen.

Im Anschluss wieder im Fischerhüden, genau, im „Hüdenhus“, je 1 Duckstein getrunken und einen Tisch für Karfreitag, 17 Uhr, bestellt.

7.04.09

Wir hatten uns für heute vorgenommen, zunächst zur TouristInformation zu gehen, um nach dem gestern in der Bibliothek gesehenen Buch zu fragen. Es ist nicht mehr zu haben, also werde ich zu Hause das Internet bemühen müssen. Immerhin war das Krakower Sagenbuch zu haben, broschiert für 5 €. Paul hatte gestern noch etwas über den Teufel gelesen, der mit der Gründung dieses Ortes zu tun habe – geht man nach einer entsprechenden Überlieferung. Er wolle dann etwas über das teuflische K. schreiben – das finde ich überhaupt nicht gut, denn ich bin im Moment eher mit der Idylle beschäftigt. Er schob dann noch nach, „teuflisch gut“, aber das war dann wohl eher ein Gedanke, um mich milde zu stimmen.

Paule ist dann gegen 11:20 Uhr alleine losgezogen, er plant(e), mit dem Leihfahrrad „einmal um den See“ zu fahren. Eben rief er mich an, er sei nun am Naturcampingplatz angekommen, ein Fahrrad habe er nicht bekommen. „Da war alles zu!“. Er wandert schnell, denkt sich dabei ein Lied aus und singt es: „And they say ya good morning/ and they say ya good night// You're on the way to (new?) land/ Where your dreams can survive...“

(Auf den Rand der gestrigen Zeitung notiert, damit der Text nicht verloren geht!)

Gut, nun ruhe ich mich ein bisschen aus, und zwar in der Halbhorinzontalen, schreibe dies eben noch zu Ende und erhole mich dann ein bisschen. Sorgen um „Paule allein unterwegs“ versuche ich zu unterdrücken, schließlich ist er ein großer Junge. Und – wenn er das Bedürfnis nach Bewegung hat – nur zu! Kann ihm nur gut tun. Er steht nun immer öfter vor dem Ganzkörper-Spiegel hier im Schlafzimmer und betrachtet seine Wampe von der Seite. „Nee, so geht das nicht weiter, die muss weg!“ murmelt er dann – immerhin so laut, dass ich es höre. Als wir heute früh unterwegs waren, erzählte er mir stolz, er habe heute „bereits fünf Kniebeugen gemacht. Du glaubst gar nicht, wie schwer das ist und wie fertig ich danach war!“

 

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Vor etwa 10 Minuten (13:30 Uhr) hat Paul wieder angerufen. Er hat Neu Zietlitz hinter sich gelassen, ist kurz vor Neu Dobbin – und hat Durst! Kein Wunder – ist er doch ohne Proviant, auch ohne etwas zu Trinken losmarschiert! Eine Dreiviertelstunde später, um 14:15 Uhr, erneut ein Anruf. Paul sitzt jetzt im Außenbereich des traditionellen „Wadehäng“, das liegt etwa auf der Grenze zwischen „unterem“ und „oberem“ See, und trinkt – endlich! – einen Spezi. Wir unterhalten uns ein bisschen und ich frage ihn oberlehrerinnenhaft: „Weißt du auch, woher der Name 'Wadehäng' kommt?“ (Ich hatte erst kurz zuvor im K.-Prospekt gelesen, dass man früher die Fischernetze „Waden“ nannte...). „Klar“, sagt er fröhlich, „von 'hängenden Waden'! Das tun meine nämlich jetzt!“ ...... Er ist guter Dinge, ich bin glücklich und er mit Sicherheit auch!

Um 15:15 Uhr erwische ich ihn, als er gerade an der „Insel Schwerin“ vorbei geht. Vor sich, auf dem See, sieht er die „Frauenlob“ vorbeiziehen, ein Fahrgastschiff, das schon seit Jahrzehnten Touristen über den See schippert. Allerdings müssen mindestens acht Interessenten da sein, haben wir heute früh noch in der TouristInformation erfahren. Paul ist noch immer voller Glück, erzählt, er sei an einer „tollen Gänseblümchenwiese“ vorbei gekommen. Bevor ich das Handy zuklappe, höre ich noch ein entzücktes: „Ich sehe schon den Jörnberg!!!!“ - Womit sich der Kreis demnächst wieder schließen dürfte, denn unser Ferienhaus liegt etwas unterhalb des Jörnbergs.

Um 15:53 öffnet sich – ich hatte es geahnt! - die Hüttentür. Und Paul ist wieder da!!!

8.04.09

Es ist einfach wunderbar, hier morgens gegen 6 Uhr (Sommerzeit) von den vielen Gartenvögeln geweckt zu werden! Ich stand dann bald auf, ein bisschen aufräumen, Abwasch machen.

Paul wollte heute wieder los marschieren, aber der Himmel war bedeckt und auf dem Weg zum Zeitungskauf fielen die ersten Tropfen. Schade! Und dumm, dass auf dem Heimweg die Sonne bereits durch die Wolken gebrochen war. Aber – zu spät. Paul hatte eigentlich vorgehabt, gegen den Uhrzeigersinn gehen, also zuerst am Franzosenbad vorbei und dann übers Wadehäng. Was aber heute sein wichtigstes Ziel war, das ist die Alte Wassermühle von Kuchelmiß – also von Serrahn aus noch einen kilometerlangen Schlenker gen Norden, entlang des Flüsschens Nebel. Wir saßen also wieder im Häuschen und lasen Zeitung bzw. lösten Sudoku, da näherte sich vom Garten her Frau H., unsere Vermieterin. Wieder trug sie einen mit Alufolie abgedeckten Teller in der Hand, und sie wollte ihn gerade auf unserem Gartentischchen abstellen, als ich die Tür öffnete und sie willkommen hieß. (Lecker, der Mohn-Blechkuchen!) - Wir redeten ein bisschen, und es dauerte nicht lange, bis sie uns bzw. Paul das Fahrrad ihres Mannes anbot. Das können Sie gerne nehmen, es steht bei uns vorm Haus!

Paule ließ sich das nicht zweimal sagen. Und nun ist er... mal wieder on the road. Ich selbst werde mich gleich auf den Weg machen, um noch einmal in die Bibliothek zu gehen, um in dem einen klugen Krakowbuch nachzulesen, wo sich einst mein Kindergarten befand. Idealerweise könnte ich den dann finden und fotografieren. Ob meine Erinnerung mir den richtigen Weg, das richtige Haus weist?

Alles kam anders als geplant. Ich war kaum ein bisschen die Seepromenade entlang geschlendert, um zur Bibliothek zu gehen, da sah ich, dass die „Frauenlob“ gerade im Begriff war, abzulegen. Ich hastete auf den Bootssteg, signalisierte, dass ich noch mit wolle ... und dann fuhr ich zwei Stunden lang auf allen Seen, die den (unteren) Krakower See ausmachen. Viele Fotos, das versteht sich. Aber immer versuchte ich, Paul irgendwo am Ufer auszumachen. Schließlich telefonierten wir wieder – er hatte inzwischen sein Ziel „Kuchelmißer Mühle“ erreicht! Es sei beschwerlicher als zu Fuß, meinte er, denn manche Strecken, die bergauf gingen, müsse er ganz ordentlich strampeln. Weiter erfuhr ich, er habe eine „super Überraschung“, in einem „Onkel-Hermann-Laden“ (analog zu „Tante-Emma“!) habe er eine Flasche original Erich-Honecker-Duschgel bekommen. (DDR-Duschgel – später entdeckte ich auf der Verpackung als Definition hierfür „DuschDichRichtig“ - das war ihm dann doch etwas peinlich! ;-))

Ich fuhr also weiter über den See, lernte einiges dazu, entdeckte einen Seeadler (bzw. der Kapitän zeigte ihn uns) und Kraniche, erfuhr einiges über Inselchen mit komischem Namen („Tümmelüm“) und den Holländer van der Valk, der um den See herum ordentlich eingekauft zu haben scheint.

Wieder an Land, ging ich ins Schulhaus, um nach dem betreffenden Buch zu sehen. Es war heute eine Vertreterin der Bibliothekarin da, die mir leider nicht weiterhelfen konnte. Schade! So kann ich diesmal eben nicht meinen alten Kindergarten wieder finden und fotografieren! Dafür habe ich ein passables Foto von der Synagoge gemacht und mich schließlich auf dem Jüdischen Friedhof umgesehen. Hier fiel mir nicht nur auf, dass einige Grabstätten renoviert worden waren. Vor dem schon etwas morschen Eingangstörchen gab es nicht mehr das blau-weiße Abzeichen, das wir kurz nach der Wende noch hier gesehen und fotografiert hatten und das für „geschütztes Kulturgut“ steht. Danach werde ich mich erkundigen. Der „normale“ Friedhof befand sich, wie erinnert, in perfekter deutscher Ordnung: Die Wege und Beete geharkt – alles in eine Richtung. Wie die Soldaten, die ohne Hirn marschieren.

 

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Es fehlt: der Bulleineintopf. Wir hatten uns soviel davon versprochen (mindestens doch ein schönes Foto und ein Rezept für unsere HP!) - doch das „MoinMoin“ hatte einfach geschlossen, ohne jedwede Notiz im Fenster! Wir zogen also weiter, zum Seehotel, und aßen dort zu Abend. Kein Vergleich aber zu dem, was wir uns erhofft hatten.

9.04.09

Ich glaube, wir haben die schönste Woche des Jahres für unseren kleinen Urlaub erwischt. Über Nacht sind viele Knospen aufgebrochen, die Forsythien stehen in voller Pracht, Sumpfdotterblumen sind nun auch an manchen Stellen am Seeufer erblüht, Veilchen zuhauf, und auch ein paar Schlüsselblümchen haben wir auf unserem Weg in den Ort heute früh entdeckt. Nachts war es etwas weniger erfreulich: Paul hatte Bauchschmerzen. Ob es an den getrockneten Kornblumenblättern lag, die neben dito Rosenblättern und einer unbekannten Blüte über den Salat gestreut waren, den wir gestern Abend als Beilage im Seehotel serviert bekamen? Zum Glück ging es ihm heute früh wieder gut.

 

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Danach wurde es unerwartet spannend. Wenn schon kein Bulleneintopf live, so wollten wir doch an das entsprechende Rezept kommen. Im Infozentrum gibt es ein paar Krakow-Bücher, u.a. Kochbücher mit Regionalküchen-Rezepten. Wir gingen also wieder rein, ließen uns die entsprechenden Bücher zeigen, blätterten – und fanden außer sicherlich schmackhafter Mecklenburger Küche nicht das, was wir suchten. Irgendwie kam ich mit den beiden Frauen, Frau S. und Frau Sch. auf mein Buchprojekt zu sprechen (ich mache zurzeit unverschämt viel Vorreklame, vielleicht, um mich tatsächlich am Projekt festzunageln?) und Frau Sch. erwähnte das Buch einer Plauerin und sprach von der starken Nachfrage, die nach einem vergleichbaren Buch aus Krakow bestünde. Im Anschluss war ich noch gegenüber, im Rathaus, um dort persönlich den „Krakower Seen-Kurier“ zu bestellen, der mir von sofort an jeden Monat zugeschickt werden soll. Als ich die sehr modern gestaltete Treppe des äußerst modern umgebauten Amtshauses hinunter“hüpfte“, konnte ich in gerader Linie auf den Hof meiner Kindheit sehen, genau, auf den Hintereingang, an dem wir vor Tagen bereits das Schild „Essensausgabe“ gesehen hatten. Es war Essenszeit, und ich sah mitten in ein Zille-Bild, eine Charles-Dickens-Milieuschilderung armer, sehr armer, in abgetragene Klamotten gekleideter Menschen mit ALDI-und anderen Plastiktüten in den Händen, deren Gesichter, wenn nicht durch den Alkohol, so doch stark vom Leben gezeichnet schienen. Sie hatten eine Art Gruppen-Schlange gebildet, als gelte hier das Recht des Stärkeren. Besonders berührt hat mich eine etwas abseits stehende Mutter mit ihrem Kind. Ich hoffe, dass sie genügend abbekommen haben.

Als Nächstes stand die Kindergarten-Suche auf dem Programm. Eine Werbetafel neben der Kirche verwies beim Stichwort „Kindergarten“ auf den „Alt Sammiter Damm“. Dazu mussten wir wieder die (toten) Bahngeleise überqueren, gingen dann nach rechts die Straße „Am Bahnhof“ entlang, danach bogen wir nach links in die gesuchte Straße ein. Kein Haus nirgends, das meiner Vorstellung von „Kindergarten“ entsprach. Ein weiteres Mal sprach ich eine ältere Einwohnerin an – und ahnte da noch nicht, welch einen Glücksgriff ich getan hatte! Um es kurz zu machen: Die Frau erinnerte sich sogar an die Apotheke am Marktplatz, nannte den Namen meines Großvaters, erzählte davon, dass ihr Großvater, der Förster von Glave, von seinem Ausflügen bzw. Arbeitsfahrten mit dem Pferdewagen nach Krakow erzählt habe. Dort habe er dann regelmäßig den „Krakower Tropfen“ von Apotheker Suppes besorgt und mit Freuden genossen. - Sie meine bestimmt den „Krakower Druppen“ fragte ich, und schon war es mir, als sei eine Vergangenheit, die ja nicht die meine ist, ein Stückchen näher gerückt. Dann noch die Erwähnung von Bürgermeister Sostmann, von Pastor Brose – die „kenne“ ich ja bereits aus dem  Bericht aus M.s Nachlass. Schließlich erinnerte sie sich an den „wahren Kindergarten“, sie verlegte ihn nun in die Plauer Straße. Da aber kann er  nicht sein, eher in der Plauer Chaussee, „irgendwo hinter dem Friedhof“. Da in der Nähe - ich war wieder in der Dobbiner Straße und habe ein „Verdachtshaus“ fotografiert - erfuhren wir dann von einer weiteren Frau, „da hinten beim NETTO war mal so was“. Frau Sch. nannte uns auch noch, und damit kann ich dann das gesuchte Haus tatsächlich einkreisen, den Namen der jetzigen Bewohner.

 

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Gut, und wo wir schon mangels Ausdauer den heutigen Nachmittagsausflug mit der „Frauenlob“ verpasst haben, sehen wir nachher noch einmal an der „neuen Stelle“ nach.

Nachmittags haben wir „meinen Kindergarten“ dann tatsächlich entdeckt: In der Plauer Chaussee Nr. 16. Im Erdgeschoss wohnt eine fast 84-jährige gebürtige Krakowerin mit einem erstaunlichen Gedächtnis. Ein paar Notizen habe ich mir in mein kleines rotes Buch gemacht. Mein Kindergarten war allerdings nicht in ihrer Wohnung, sondern, wie sie zumindest sagt, in der oberen Etage. Mein Kindheitsgarten allerdings ist zugebaut.

 

 

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10.04.09 – unser letzter kompletter Urlaubstag (und Karfreitag)

Der frühe Morgen startete heute folgendermaßen: Um fünf schlug die Kirchturmuhr fünfmal, gegen 5:20 Uhr begannen die Vögel im Garten zu singen, ab 5:30 kam dann wieder mein Husten. Gestern ging es mir wunderbar, der Infekt scheint endlich durchstanden. Es ist wieder ganz wunderbares Wetter, wir wollen den Tag und die Sonne auskosten. Für  17:00 Uhr ist im „Hüdenhus“ ein Tisch reserviert. Zuvor aber wollen wir noch einmal versuchen, die Frauenlob zu entern. Paul war gestern zu ungeduldig – schade, er hatte sich gefreut. Und auch sein Ehrgeiz wollte befriedigt werden, den See nicht nur auswendig, sondern auch inwendig kennen zu lernen und zu erobern.

Eben haben wir gefrühstückt – auch der zugekaufte Streuselkuchen aus dem Backhus im Edeka muss noch verzehrt werden, bevor wir fahren. Da huscht vor dem Fenster, im Garten, ein Schatten vorbei in Richtung Wohnhaus der Heinrichs: auf dem Tisch vor unserer Hütte ein weiterer selbst gebackener Apfelkuchen! Was soll aus uns noch werden? Wir wollten doch abnehmen! Eine Wespe umkreist bereits das Objekt.

Nach dem Frühstück, das heute aus einer dreiviertel Platte überzuckertem Streuselkuchen bestand – wir müssen das alles noch bewältigen, bevor wir wieder abfahren – stand der Jörnberg auf unserem Plan. Es war dann ein herrlicher Spaziergang, durch pure Natur, nur ab und zu ein Blick auf den See durch filigrane, hell- bis dunkelgrüne Nadelbüsche an den Kiefernzweigen. 147 Stufen – oder so. Ich hatte große Mühe, den Aussichtsturm zu bewältigen, während Paule ja ganz gut trainiert ist durch die Wanderungen der vergangenen Tage.

Der Rückweg barg dann eine zauberhafte Überraschung: Wir gingen den schmalen Pfad in Richtung Sägewerk hinunter, und hier lag dann ein oftmals geträumtes Traumbild vor mir: Abseits meines Kindheitsufers eine kleine malerische Bucht, in der das Schilf hoch wuchs, die Zweige der Uferbäume ins Wasser und durch dies hindurch wuchsen. Vielleicht ja nur die Erinnerung an einen Traum? An der jetzigen Seepromenade ging es in den See hinein, dann die Ausflucht in eben diese kleine Bucht – mit all dem Schilf, durch das die Sonne scheint – wie heute auch. Nur das nach Teer riechende Ruderboot, das mich im Traum in diese Idylle gerettet hat, ist heute nicht da.

Vielleicht gibt es ja so etwas, dass man als positiv erlebte Kindheitsbilder fotografisch abspeichert und dass Fragmente dieses Gedächtnisspeichers dann in Träumen wieder kehren? Vielleicht war das Naturerlebnis ja nahezu deckungsgleich mit dieser weit zurück reichenden Erinnerung? Wunderbares Gehirn! Von dieser geschilderten Idylle habe ich mit Absicht kein Foto gemacht, es würde nicht meinem inneren Bild entsprechen.

Ein reales Foto habe ich neben vielen anderen gemacht: zwei relativ frisch abgesägte, nebeneinander stehende Bäume, der eine etwas höher schon gewachsen als der andere, bevor man beiden den Leib abtrennte.... und dies war dann von einem Beet weißer Anemonen umkränzt. Wie eine Metapher. Die Wurzeln bleiben und sind dem entfernten Stamm für immer abhanden gekommen.

 

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Am letzten Tag hier in K. erscheinen mit einem Mal die Farben heller und bunter, die Vögel singen harmonischer, lockend. „Wer hat dich, du schöner Wald...“; „Vöglein im hohen Baum...“, „Wenn ich ein Vöglein wär...“ - Lieder, die ich in meiner nach-Krakow-Zeit in Schulen und Kinderheimen gelernt habe, die mir hier, an meinem Geburtsort, bei dieser Stimmung einfallen und auch auf der Zunge liegen. Paul kennt keines dieser Lieder, sagt er. Vielleicht lässt ihn aber nur sein Gedächtnis im Stich? Habe ich doch das relative Glück, eine Kindheit an vielen Orten verlebt zu haben - wenn auch nie ganz freiwillig.

Morgen fahren wir wieder nach Hause. Ich freue mich.

© bio, April 2009