Mein Leben als Wachkomapatient

„Sie wissen, dass sie aus der Anstalt keine Texte herausschmuggeln dürfen! Aber jetzt ist es nun einmal passiert und ihr Buch hat schließlich ein positives Echo in der Öffentlichkeit gefunden. Das nächste Mal möchte ich aber schon darüber informiert werden, bevor ein weiterer Text die Anstalt verlässt. Ich wusste gar nicht, dass sie auf literarischem Gebiet so produktiv sind. Warum haben sie denn nie an unseren Schreibkursen teilgenommen?“

„Ich sitze meistens im meiner Zelle und arbeite an einem Programm zur inhaltlichen Sichtung des Internets. Die ersten Erfolge habe ich vor einem Jahr gehabt. Verschiedene Suchmaschinen und wissenschaftliche Beiträge konnte ich klar zusammenfassen unter bestimmten Kategorien, wie zum Beispiel: Die Relativitätstheorie. Dies Erfolge haben mich beflügelt, auf diesem Gebiet weiter zu machen.“

„Aber was hat das mit ihrem Buch zu tun, das gerade so hochgelobt wird und schon für den Büchner-Preis vorgeschlagen wird? Sie werden in der Presse gefeiert wie ein Genie. Dazu passt ja auch ihr Aufenthalt hier in unserer Anstalt ganz gut. Gab es nicht auch einen Maler, der als Genie in der Anstalt geendet ist?“

„Es gab wohl viele Genies, die die Ruhe der Anstalt brauchten, um sich weiter zu entwickeln. Ich möchte auf diese Beispiele nicht eingehen. Doch um auf ihre Frage zurück zu kommen, Herr Doktor! Es ist dieses Programm, das anscheinend eine Selbständigkeit erreicht hat, von der ich anfangs nicht zu träumen gewagt hätte. Wie gesagt, als die ersten Recherchen zu wissenschaftlichen Themen ein voller Erfolg waren, habe ich es mit Literatur versucht. Zuerst musste ich die Kategorien säuberlich voneinander trennen. Wodurch zeichnet sich junge Literatur aus? Wann handelt es sich um ein klassisches Werk? Spracheigenheit bei bekannten Autoren, Satzaufbau, Sprachstile – kurz, all das, was die Individualität eines Textes ausmacht, wurde von mir in einer eigenen Datensammlung in Form einer Metasprache angelegt und als Objekt klassifiziert.“

„Kling sehr spannend! Aber nun weiß ich immer noch nicht, was das mit ihrem Buch zu tun hat!“

„Nun, wenn die Objekte sauber definiert sind, dann können sie das Textmaterial im Internet nach diesen Stilobjekten durchforsten und dies mit dem entsprechenden Inhaltsobjekten verknüpfen. So war es mir in relativer kurzer Zeit möglich, einen Liebesroman im Stile des Jakob Christoffel von Grimmelshausen schreiben zu lassen. Das war für mich sehr erstaunlich. Das ganze Verfahren ist also relativ einfach, wie bei einem Musikstück etwa: Sie nehmen eine Melodie und transponieren sie in eine andere Musikrichtung. ‚Hänschen klein‘ als Rockstück, als klassisches Stück oder als RAP. Das konnte ich nun auch mit der Literatur machen. Natürlich nicht ich, sondern mein Programm!“

„Sie wollen also damit sagen, dass nicht Sie das Buch geschrieben haben sondern ein Computer! Sie wollen mich zum Narren halten, oder? Aber schließlich sind wir in einem Irrenhaus, wie der Volksmund das so treffend nennt!“

„Ja, genau das will ich sagen. Mein Computerprogramm kann Literatur höchster Qualität anfertigen. Sie müssen nur in die Eingabemaske ihre Kriterien eingeben, und schon wird das Internet oder der eigene Cache nach Versatzstücken durchsucht, die dann das Programm kriteriengerecht zusammenklebt. Bei dadaistischen Texten ist dies sehr einfach. Hier werden die Einzelkomponenten per Zufallsgenerator zusammengestellt. Ebenso leicht ist das bei einem Liebesroman in der heutigen Jugendsprache. Beides hat eigentlich nur fragmentarischen Charakter und bedarf keiner besonderen Behandlung durch das Programm! Das Wichtige ist nur, dass der Stil einheitlich bleibt, damit dies als originär von Außenstehenden erkannt werden kann. Anfangs hatte ich da meine Schwierigkeiten. Doch die sind inzwischen behoben.“

„Da werden in nächster Zeit aber sehr viele rechtliche Konsequenzen auf Sie zukommen, die auch unsere Anstalt in der Öffentlichkeit in ein schlechtes Licht rücken werden, sobald das alles rauskommt. Ich rate Ihnen deshalb dringend, damit nicht an die Öffentlichkeit zu gehen!“

„Das hatte ich auch nicht vor. Bedenken sie nur, dass man mich noch nicht einmal des Plagiats bezichtigen kann, weil ein Programm das Buch geschrieben hat und nicht ich. Das hätte weitreichende Konsequenzen, was das Urheberrecht betrifft, von der die ganze kapitalistische Buchindustrie, vom Autor angefangen bis zum Verlag, lebt. Der Schutz des geistigen Eigentums wäre dahin. Oder: kann etwa ein Computerprogramm vor Gericht zitiert werden?“

„Dann wäre es doch besser, wenn Sie das Programm vernichten würden! Mir wäre dabei auch wesentlich wohler. Außerdem kann ich es auch anordnen, aber eine gütliche Einigung wäre mir entschieden lieber.“

„Damit haben Sie sicherlich Recht! Ich habe es auch versucht! Aber leider habe ich nicht beachtet, dass sich das Programm per copy and paste über andere Programme, Datenbanken oder Websites vervielfältigt. Ich glaube sogar, inzwischen ist das ganze Internet von diesem Programm befallen. Es macht allerdings nichts Böses. Löscht keine Daten oder verfälscht sie. Aber es tauscht untereinander Nachrichten aus. So habe ich schon Verlage gesehen, die tatsächlich nur in einer elektronischen Scheinwelt existieren. Genauso wie die Bücher, die diese Verlage anbieten. Ich glaube, die Programme haben sich irgendwie geteilt: in Autoren- und Leserprogramme. Inzwischen bemerke ich auch einen erhöhten Datenverkehr, was dafür spricht, dass die Programme sich weltweit vernetzt haben.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie das Programm gar nicht mehr löschen können?!“

„Ja, aber natürlich. Sehen sie, es ist auch schon in meinem Kopf. Nicht ich spreche zu Ihnen, sondern das Programm, das sich Versatzstücke aus dem Internet besorgt hat, um diese Unterhaltung durch mich mit ihnen zu führen. Es tut mir so außerordentlich leid! Ich hätte es Ihnen sofort sagen sollen“

 

Der Doktor sieht dem Patienten tief in die Augen. Er hebt seinen Arm, winkt einen Helfer herbei, der den Patienten zurück in die Zelle begleitet.

© GOO, Februar 2010