Ich habe ein neues Wort gelernt: Standby-AKW. Ich schalte den Standbybetrieb meiner elektrischen Geräte stets ab, weil ich Strom sparen will. Eigentlich ist das falsch, denn ich will Geld sparen. Ein Standby-AKW kostet dann vielleicht auch mehr, als ein abgeschaltetes AKW. Aber ich befürchte, dass meine Rechnung hinten und vorne nicht stimmt.

 

Wichtig ist eben die Versorgungssicherheit. Die Industrie braucht Strom und kann sich keinen Ausfall leisten. Wie sieht es mit dem Volk aus? Braucht es immer eine Regierung? Nun, wenn das richtig wäre, dann müssten wir auch eine Standby-Regierung haben. Aber das lohnt sich nur, wenn die Standby-Minister, zwar nur im geringen Maße, ständig mitregieren. Bei einem Teilausfall oder einem Komplettausfall wäre Ersatz in ein paar Stunden in Sicht. Noch unspektakulärer wäre es, wenn jeder in der Regierung seinen Doppelgänger hätte. Dann würde die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch die Standby-Minister gar nicht auffallen. Die Kanzlerin müsste sich in der Öffentlichkeit nicht erklären, warum sie sich durch die Standby-Kanzlerin ersetzten lässt. Dies setzt allerdings beim politischen Personal die Zwillingslösung voraus.

 

So wären wir beim biologischen Standby: das Standby-Kind. Die moderne Genetik wird sicherlich schon Verfahren entwickelt haben, um eine allumfassende Standby-Lösung in allen Bereichen, in denen man Personal benötigt, sicherzustellen.

 

Wer das englische Wort „Standby“ nicht mag, kann es auch durch das deutsche Wort: Kaltreserve ersetzen. Aber sie sind doch sicherlich auch meiner Meinung, dass eine Kaltreserve-Kind nicht so schön klingt wie eine Standby-Kind oder ein Kaltreserve-Hartz IV Gesetz nicht so schön wie ein Standby-Hartz IV Gesetz. Außerdem denke ich immer bei dem Wort Kaltreserve an meinen Eisvorrat im Kühlschrank und so klingt diese Wort für mich nicht nur schrecklich sondern weckt auch falsche Assoziationen in mir.

 

Einmal abgesehen von den ganzen Vorteilen, die eine Standby-Lösung zu bieten hat, muss man trotzdem auf dem Teppich bleiben. Die Antwort auf die einfache Frage: Wer soll das bezahlen? bleibt man uns schuldig. Eine Standby-Gesellschaft würde uns glatt das doppelte kosten. Und was nützt ein Standby-AKW, wenn nicht die Stromnetze ebenfalls standby sind?

 

Erinnern sie sich noch an den Winter anno dazumal? Ja, genau den! Als im Norden unserer Republik das Eis die Strommasten knickte. Da gab es keine Standby-Masten, die die Versorgungssicherheit hätten gewährleisten können. Aber schön war es trotzdem. Kein Licht am Abend. Zusammensitzen in der Familie bei Kerzenschein. Vorlesen, musizieren, malen und all die kreativen Tätigkeiten, die heute nur noch in klinischen Grenzbereichen der Gesellschaft stattfinden. Darüber hinaus habe ich gehört, dass Stromausfälle in Großstädten positive Effekte auf die Bevölkerung zeitigen.

 

Was! Da haben sie ganz andere Erfahrungen gemacht! Nur lange Gesichter, den ganzen Tag über! Zu nichts ist man gekommen, nur Stress. Gut, ich gebe es zu. Ich bin eben ein Romantiker und stelle mir deshalb immer das Schöne, Besinnliche oder Kontemplative einer Situation vor.

 

Doch zurück zur Ausgangslage. Wie kann man die Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit bewerkstelligen? Mich wundert nur, dass diese Frage im Zusammenhang mit Strom gestellt wird. Sollte die Regierung da nicht etwas umfänglicher argumentieren. Wie sieht es mit der Versorgungssicherheit bei Nahrungsmitteln aus? Wie mit der Versorgungssicherheit im Gesundheitssektor? Wie mit der Versorgungssicherheit im Alter? Und all das soll bezahlbar sein! Also müssen wir wieder abwägen. Die Gratwanderung der Politik nachvollziehen, da sie schon etliche Antworten dazu gegeben hat. Um auf das Alter zurückzukommen, denn hier scheint mir alles klar zu sein. Die Bezahlbarkeit hat hier ein wesentliche größeres Gewicht als die Versorgungssicherheit. Und damit wären wir auch schon am Ende. Eine bezahlbare Versorgungssicherheit ist schließlich etwas ganz anderes als eine versorgungssichere Bezahlbarkeit.

 

GOO, Mai 2011